Gefangen in Buchwelten – Erwachen

In welcher Buchwelt wäre es absolut am schlimmsten zu leben?

Gefangen in Buchwelten

In welcher Buchwelt wäre es am schlimmsten zu leben? Eine wunderbare Frage. Schließlich haben Schriftsteller über Jahrzehnte hinweg die schrecklichsten Gesellschaften erfunden, die man sich vorstellen kann. Diktaturen, Überwachung, Manipulation, Unterdrückung, künstliche Glückseligkeit und Menschen, die nicht mehr selbst entscheiden dürfen. Wie beruhigend, dass das alles nur erfundene Geschichten sind. Oder etwa nicht?

Nehmen wir George Orwells „1984“. Eine Welt, in der Menschen überwacht werden, Informationen kontrolliert und Wahrheiten nach Belieben verändert werden. Wer etwas anderes denkt, wird zur Gefahr erklärt. Selbst die Sprache wird verändert, damit bestimmte Gedanken irgendwann überhaupt nicht mehr formuliert werden können.

Wie gut, dass wir heute in einer Welt leben, in der Informationen grundsätzlich unabhängig sind, niemand versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, und jeder Mensch selbstverständlich alles hinterfragen darf, ohne gesellschaftliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Entschuldigung, ich musste gerade lachen.

Oder nehmen wir „Die Tribute von Panem“. Dort lebt eine privilegierte Oberschicht im Überfluss, während andere Menschen unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten und ums Überleben kämpfen. Das Leiden der Schwächeren wird zur Unterhaltung der Mächtigen. Die Bevölkerung wird gegeneinander ausgespielt, damit möglichst niemand auf die Idee kommt, die eigentlichen Machtverhältnisse infrage zu stellen.

Natürlich vollkommen unrealistisch. Schließlich haben wir heutzutage keinerlei gesellschaftliche Ungleichheit, keine wirtschaftlichen Abhängigkeiten und schon gar keine Medienformate, die menschliches Elend zur Unterhaltung machen.

Dann hätten wir Margaret Atwoods „Der Report der Magd“. Eine Gesellschaft, in der Menschen, insbesondere Frauen, ihre Selbstbestimmung verlieren. Über ihre Körper, ihre Lebensweise und ihre Zukunft entscheiden andere. Alles selbstverständlich im Namen einer angeblich höheren Ordnung.

Interessant, wie häufig sich Macht hinter Begriffen wie Schutz, Sicherheit, Moral und Verantwortung verstecken lässt. Manchmal genügt es offenbar, einer Einschränkung einen wohlklingenden Namen zu geben, und schon erscheint sie weniger bedrohlich.

Cormac McCarthys „Die Straße“ zeigt uns dagegen eine zerstörte Welt, in der Menschen verzweifelt versuchen, ihre Existenz zu sichern. Nahrung, Wärme und ein sicherer Schlafplatz werden zu kostbaren Gütern. Das Vertrauen zwischen den Menschen ist weitgehend zerbrochen.

Und während wir diese Geschichte lesen, können wir uns fragen, wie viele Menschen auf unserer tatsächlichen Erde bereits heute täglich ums Überleben kämpfen. Wie viele ihre Heimat verlieren, vor Kriegen fliehen oder nicht wissen, wovon sie morgen leben sollen.

Aber selbstverständlich ist das etwas vollkommen anderes. Immerhin steht auf unserem Buchumschlag nicht „Gegenwart“, sondern „Roman“.

Besonders interessant finde ich Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Dort braucht es nicht einmal überall offene Gewalt, um Menschen gefügig zu halten. Konditionierung, Ablenkung, Konsum und künstliches Wohlbefinden übernehmen einen großen Teil dieser Aufgabe.

Die Menschen sollen zufrieden sein. Nicht unbedingt frei, nicht unbedingt bewusst, aber möglichst störungsfrei angepasst.

Wer ständig beschäftigt ist, hat schließlich wenig Zeit, grundlegende Fragen zu stellen. Und wer gelernt hat, jede innere Leere sofort mit Unterhaltung, Konsum oder einer neuen Ablenkung zu füllen, muss sich mit dieser Leere niemals wirklich auseinandersetzen.

Praktisch, nicht wahr?

Aus Buchwelten erwachen

Jetzt stellt sich allerdings eine unangenehme Frage: Welche dieser Buchwelten wäre tatsächlich die schlimmste?

Diejenige, in der wir offen unterdrückt werden? Diejenige, in der Menschen gegeneinander kämpfen müssen? Diejenige, in der andere über unser Leben bestimmen? Oder vielleicht diejenige, in der wir unsere Unfreiheit nicht einmal mehr wahrnehmen?

Möglicherweise liegt die Antwort nicht in einem einzigen Buch.

Vielleicht haben wir längst aus jeder dieser Geschichten ein paar besonders unangenehme Kapitel übernommen.

Wir kennen Überwachung und Manipulation. Wir kennen gesellschaftliche Ungleichheit und wirtschaftliche Abhängigkeit. Wir kennen Kriege, Vertreibung, Machtmissbrauch und Menschen, die sich verzweifelt gegen Entscheidungen wehren müssen, die ihr gesamtes Leben verändern.

Wir kennen aber auch die andere Seite: Ablenkung, Gleichgültigkeit, Gewöhnung und das beruhigende Gefühl, dass schon irgendjemand wissen wird, was richtig ist.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem.

Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus ihren Regierungen, Institutionen oder wirtschaftlichen Strukturen. Sie besteht aus jedem einzelnen Menschen, der in ihr lebt.

Aus Menschen, die Fragen stellen. Aus Menschen, die schweigen. Aus Menschen, die widersprechen. Und aus Menschen, die irgendwann aufgehört haben, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.

Wie oft übernehmen wir eine Meinung, weil sie überall wiederholt wird? Wie oft halten wir etwas für unveränderlich, nur weil es schon lange so gemacht wird? Wie oft schauen wir weg, weil Hinschauen unbequem wäre?

Und wie oft verteidigen wir sogar Strukturen, unter denen wir selbst leiden, weil wir uns ein Leben außerhalb dieser Strukturen überhaupt nicht mehr vorstellen können?

Das ist für mich der entscheidende Punkt beim Erwachen des Bewusstseins.

Erwachen bedeutet nicht, plötzlich alles zu wissen. Es bedeutet auch nicht, grundsätzlich jedem Menschen, jeder Institution oder jeder Information zu misstrauen.

Es bedeutet, wieder selbst wahrzunehmen, zu hinterfragen, Zusammenhänge zu erkennen und Verantwortung für das eigene Denken und Handeln zu übernehmen.

Es bedeutet, die eigene Angst nicht automatisch zur Wahrheit zu erklären, aber auch nicht jede unbequeme Wahrnehmung zu verdrängen, nur weil andere sie nicht teilen.

Und es bedeutet, zu erkennen, dass Veränderung nicht ausschließlich von außen kommen kann.

Solange Menschen innerlich dieselben Muster weitertragen, aus denen Unterdrückung, Ausgrenzung, Machtmissbrauch und Gleichgültigkeit entstehen, werden sie diese Muster auch in neuen Gesellschaftsformen wieder erschaffen.

Man kann ein System austauschen und trotzdem dieselbe Welt wieder aufbauen. Nur mit anderen Namen, anderen Gesichtern und vielleicht einer hübscheren Verpackung.

Genau deshalb ist Bewusstwerdung so wesentlich.

Die Anhebung, von der ich spreche, beginnt für mich dort, wo genügend Menschen erkennen, was bisher geschehen ist, welche Muster sich ständig wiederholen und dass es so nicht weitergehen muss.

Nicht durch eine neue Form der Bevormundung. Nicht durch eine neue Wahrheit, die allen aufgezwungen wird. Sondern durch das Erwachen der eigenen Wahrnehmung und die Bereitschaft, anders zu handeln.

Denn was nützt es, aus einer Gefangenschaft auszubrechen, wenn man anschließend beginnt, die nächste zu errichten?

Vielleicht waren diese Bücher niemals nur Unterhaltung. Vielleicht waren sie auch Warnungen, Spiegel und Einladungen, genauer hinzusehen.

Und vielleicht liegt ihre größte Bedeutung nicht darin, uns zu zeigen, wie schrecklich eine erfundene Welt sein könnte.

Sondern darin, uns erkennen zu lassen, welche Teile davon wir bereits in unserer eigenen Wirklichkeit wiederfinden.

Was wäre eigentlich schlimmer: in einer erfundenen Buchwelt gefangen zu sein – oder eines Tages festzustellen, dass wir längst angefangen haben, sie nachzubauen?

Vielleicht haben wir sie sogar längst nachgebaut. Nicht nur um uns herum, sondern auch in unseren eigenen Gedanken, Gewohnheiten und Ängsten.

Und dann bleibt nur noch eine Frage:

Wie erwachen wir aus einer Welt, deren Gefängnismauern wir nicht mehr erkennen, weil wir gelernt haben, sie für unser Zuhause zu halten?

Yvette Ullrich steht geschützt von einem goldenen Drachen zwischen dystopischen Buchwelten. Ein leuchtender Schutzkreis bewahrt sie und ihre Tiere vor Überwachung, Manipulation und Unterdrückung.
Zwischen den dunklen Buchwelten unserer Gesellschaft entsteht ein Raum aus Licht, Bewusstsein und Selbstbestimmung. Der Weg aus der Gefangenschaft beginnt mit dem Erwachen.

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