Was machst du heute komplett anders, als du es von zu Hause aus gelernt hast?
Rollenbilder haben mich schon als Kind eher abgestoßen als geprägt, zumindest dann, wenn sie mir sagen wollten, wie ich als Frau zu sein habe. Meine Mutter legte großen Wert darauf, dekorativ zu sein, einem Mann zu gefallen und sich entsprechend zu präsentieren. Sie versuchte, mir dieses Bild ebenfalls mitzugeben. Nur hat das bei mir schon damals nicht besonders gut funktioniert. Ich wollte nie einfach hübsches Beiwerk im Leben eines Mannes sein. Ich wollte selbst entscheiden, selbst gestalten und selbst bestimmen, was zu mir gehört und was nicht.
Heute lebe ich vieles davon genau umgekehrt. Mein Mann Tom hilft mit, packt an und übernimmt Dinge, die körperlich für mich inzwischen schwerer geworden sind. Gleichzeitig ist er zwanzig Jahre jünger als ich. Das ist keine zufällige Randnotiz, sondern Teil dessen, was für mich stimmig ist. Ich habe irgendwann aufgehört, so zu tun, als müsse man bei Partnerschaft ausschließlich auf Charakter, innere Werte und ein gutes Herz schauen und alles Körperliche wäre irgendwie oberflächlich oder moralisch verdächtig.
Ich habe diesen Gedanken ausprobiert. Für mich funktioniert er nicht.
Rollenbilder selbst bestimmen
Rollenbilder werden erstaunlich schnell moralisch, sobald eine Frau offen sagt, dass Attraktivität für sie wichtig ist. Ein Mann darf selbstverständlich eine schlanke, gepflegte, attraktive oder jüngere Frau bevorzugen. Das wird gesellschaftlich oft genug als völlig normal betrachtet. Wenn eine Frau dagegen sagt, dass sie einen Mann körperlich attraktiv finden möchte und keine Lust auf jemanden hat, der sich selbst völlig gehen lässt, wird plötzlich über Oberflächlichkeit gesprochen.
Diese Doppelmoral hat mich schon immer gestört.
Natürlich verändert sich ein Körper. Meiner auch. Ich werde älter, ich merke Grenzen, manches wird anstrengender und manches funktioniert nicht mehr so selbstverständlich wie mit zwanzig. Das gehört zum Leben. Für mich besteht aber ein Unterschied zwischen einem Körper, der altert, und einem Menschen, dem sein eigener Körper vollkommen gleichgültig geworden ist.
Ich habe mein Leben lang darauf geachtet, wie es mir körperlich geht. Ich habe hingeschaut, wenn etwas nicht stimmte, habe mich bewegt und immer wieder geklärt, was gerade verquer sitzt. Mein Körper gehört zu mir und ist für mich nicht irgendeine nebensächliche Hülle. Deshalb ist es für mich auch bei einem Partner wichtig, wie er mit sich und seinem Körper umgeht.
Ich weiß, dass das arrogant klingen kann. Vielleicht ist es das an manchen Stellen sogar. Trotzdem wäre es unehrlich, auf eine solche Frage mit einer weichgespülten Antwort zu reagieren. Ich kann nichts damit anfangen, wenn mir jemand erklärt, es komme ausschließlich auf das Herz an und alles Äußere müsse vollkommen egal sein. Für mich stimmt das schlicht nicht.
Ich möchte meinen Partner ansehen und attraktiv finden. Punkt.
Attraktivität ist dabei natürlich persönlich. Was für einen Menschen wunderschön ist, lässt den nächsten vollkommen kalt. Genau deshalb lasse ich mir aber auch nicht vorschreiben, wen oder was ich attraktiv zu finden habe. Ich muss niemanden körperlich anziehend finden, weil andere Menschen meinen, alles andere wäre oberflächlich.
Besonders absurd finde ich, wie selbstverständlich manche Männer sehr hohe Ansprüche an Frauen stellen, während sie diese Ansprüche bei sich selbst überhaupt nicht anwenden. Die Frau soll jung, gepflegt, schlank, fit und dekorativ sein. Beim eigenen Körper scheint derselbe Maßstab plötzlich keine Rolle mehr zu spielen. Gleichzeitig gilt das klassische Bild des älteren, finanziell gut gestellten Mannes mit einer wesentlich jüngeren attraktiven Frau gesellschaftlich immer noch als erstaunlich normal.
Dreht eine Frau dieses Modell um, wird es plötzlich interessant.
Ich habe kein Problem damit zu sagen, dass Tom zwanzig Jahre jünger ist als ich. Ich habe ebenso wenig ein Problem damit zu sagen, dass ich mit vielen Männern meiner eigenen Altersklasse körperlich nichts anfangen kann. Das ist meine persönliche Wahrnehmung und meine persönliche Auswahl. Schließlich geht es um meinen Partner und mein Leben und nicht darum, welches Paar andere Menschen angemessen fänden.
Und genau dort liegt für mich heute der entscheidende Unterschied zu dem, was ich von zu Hause gelernt habe.
Ich frage nicht mehr danach, was ein Mann für mein Leben vorgesehen hat.
Ich entscheide selbst.
Es hat lange genug gedauert, bis ich wirklich klar gesagt habe, was ich will und vor allem auch, was ich nicht will. Ich habe mir lange genug angeschaut, was Männer entscheiden, welche Vorstellungen sie haben und welche Richtung sie vorgeben möchten. Für mein Leben hat dieses Modell nicht funktioniert. Deshalb habe ich es beendet.
Alles, was mich betrifft, bestimme ich selbst.
Ich brauche keinen Mann, der mir erklärt, wie ich leben soll. Ich brauche auch keinen Mann, der sich in meinem Leben permanent mit Widerworten positioniert, als müsste jede meiner Entscheidungen erst noch verhandelt werden. Wenn es um mich, meinen Körper, meine Arbeit, meine Lebensgestaltung und meinen Weg geht, dann gibt es darüber keine männliche Entscheidungsinstanz mehr.
Die Männer in meinem Leben richten sich nach dem Leben, das ich für mich gewählt habe, nicht umgekehrt.
Das ist wahrscheinlich die deutlichste Umkehr der Rollenbilder, mit denen ich aufgewachsen bin. Meine Mutter wollte mir vermitteln, wie eine Frau sich in das Leben eines Mannes einfügt. Heute fügt sich kein Mann mehr als bestimmende Instanz in mein Leben ein. Ich gestalte meinen Raum selbst und entscheide, wer darin einen Platz bekommt.
Tom ist dabei eben nicht der Mann, der mein Leben vorgibt. Er ist der Mann, der mitmacht, mithilft, schwere Dinge übernimmt und mir auch optisch gefällt. Dass er zwanzig Jahre jünger ist, macht die Umkehr des alten Bildes dabei fast schon amüsant vollständig.
Früher sollte ich dekoratives Beiwerk sein.
Heute bestimme ich mein Leben komplett selbst.
Und wenn darin dekoratives männliches Beiwerk vorkommt, entscheide ebenfalls ich, wie es aussehen darf.










