Zufall gibt’s nicht

Was war der seltsamste Zufall, den du je erlebt hast?



Zufall ist für mich eines dieser Wörter, bei denen ich inzwischen ein bisschen schmunzeln muss, weil mein Leben sich über viele Jahre offenbar große Mühe gegeben hat, mir zu beweisen, dass dieses Konzept bei mir nicht besonders zuverlässig funktioniert. Wenn WordPress mich also fragt, was der seltsamste Zufall war, den ich jemals erlebt habe, stehe ich ungefähr vor demselben Problem wie bei der Frage nach meinem liebsten Einhorn im Kühlschrank: Ich müsste erst einmal eines finden.

Natürlich könnte ich jetzt irgendeine Geschichte herauspicken. Einen Menschen, der genau im richtigen Moment auftauchte. Einen Kontakt, der entstand, obwohl er eigentlich gar nicht hätte entstehen können. Eine Information, die plötzlich da war, kurz nachdem ich sie gebraucht hatte. Einen Weg, der sich genau dann öffnete, als ein anderer endgültig verschlossen war. Davon gäbe es genug.

Nur würde ich keines dieser Ereignisse als Zufall bezeichnen.

Mein Leben hat eine ausgesprochen eigenwillige Dramaturgie. Manchmal würde ich mir wünschen, der zuständige Drehbuchautor würde sich etwas weniger Mühe mit überraschenden Wendungen geben. Ein bisschen gepflegte Langeweile zwischendurch hätte durchaus ihren Reiz. Einfach morgens aufstehen, Kaffee trinken und feststellen: Heute passiert überhaupt nichts Bedeutungsvolles. Herrlich.

Stattdessen tauchen Menschen auf, verschwinden Dinge, ergeben sich Gespräche, brechen Konstruktionen zusammen und entstehen an anderer Stelle plötzlich Möglichkeiten, bei denen ich mich regelmäßig frage: Wie wahrscheinlich war das jetzt eigentlich?

Vermutlich nicht besonders.

Aber genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Führung. Etwas kann statistisch vollkommen unwahrscheinlich sein und trotzdem genau im richtigen Moment geschehen.

Zufall und Führung

Zufall setzt für mich voraus, dass zwei Dinge ohne Zusammenhang aufeinandertreffen. Mein Erleben ist jedoch ein anderes. Rückblickend zeigen sich Verbindungen oft erst viel später. Ein Ereignis, das zunächst vollkommen sinnlos erscheint, bekommt Monate oder sogar Jahre danach plötzlich eine Bedeutung. Eine Begegnung, die scheinbar nur wenige Minuten gedauert hat, verändert eine Entscheidung. Ein Umweg führt genau zu dem Wissen, das später gebraucht wird. Eine Situation, über die ich mich im ersten Moment maßlos ärgere, zwingt mich dazu, eine Richtung zu verlassen, die ohnehin nicht mehr zu mir gepasst hat.

Das bedeutet nicht, dass ich bei jedem heruntergefallenen Kaffeelöffel sofort eine kosmische Botschaft vermute. Wahrscheinlich habe ich ihn einfach schlecht hingelegt.

Wobei ich meinem Leben inzwischen auch zutrauen würde, dass der Löffel anschließend genau auf einen Zettel fällt, den ich seit drei Wochen gesucht habe.

So ungefähr funktioniert das nämlich.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mit dem Wort Zufall immer weniger anfangen kann. Ich habe zu oft erlebt, dass Dinge ineinandergreifen. Nicht unbedingt angenehm. Nicht unbedingt so, wie ich es geplant hätte. Und ganz sicher nicht immer in einer Geschwindigkeit, die meiner persönlichen Vorstellung entspricht.

Führung hat nämlich offensichtlich keinen Terminkalender, den sie vorher mit mir abstimmt.

Das finde ich gelegentlich ausgesprochen unhöflich.

Trotzdem sehe ich rückblickend immer wieder diese Linien. Entscheidungen führen zu Begegnungen. Begegnungen führen zu neuen Gedanken. Gedanken verändern Projekte. Projekte öffnen Türen. Türen führen zu Menschen, von denen wiederum neue Entwicklungen ausgehen.

Und irgendwann stehe ich mitten in einer Situation und denke: Das hätte ich vor einem Jahr niemals planen können.

Vielleicht ist genau das der Punkt.

Planung folgt dem, was wir bereits kennen. Führung kann dagegen Wege benutzen, von deren Existenz wir noch gar nichts wussten.

Wenn ich deshalb nach dem seltsamsten Zufall meines Lebens gefragt werde, müsste meine Antwort eigentlich lauten: Mein ganzes Leben.

Es besteht aus so vielen merkwürdigen Überschneidungen, Begegnungen und Wendungen, dass ich unmöglich eine davon auswählen könnte. Dafür müsste ich erst behaupten, sie seien voneinander getrennt.

Genau das glaube ich aber nicht.

Für mich ist Leben ein Geflecht. Manchmal erkenne ich die Muster sofort. Manchmal erst sehr spät. Manchmal vermutlich überhaupt nicht. Und gelegentlich sitze ich mittendrin und frage mich ernsthaft, ob irgendwo jemand sehr viel Freude daran hat, die Fäden möglichst kreativ miteinander zu verknoten.

Vielleicht werde ich irgendwann verstehen, warum bestimmte Dinge genau so geschehen mussten.

Vielleicht auch nicht.

Aber eines hat mir mein Leben ziemlich zuverlässig beigebracht: Wenn etwas vollkommen unerwartet auftaucht, lohnt es sich zumindest hinzuschauen.

Denn möglicherweise war es kein Zufall.

Und falls doch, hat der Zufall bei mir jedenfalls einen erstaunlich guten Sinn für Timing.

Eine verträumte Frau sitzt an einem Tisch, umgeben von leuchtenden Linien, Sternen, Schlüsseln, einer Taschenuhr und einer geöffneten Tür als Symbol für Führung, Fügung und scheinbare Zufälle.
Wenn der Zufall einen verdächtig guten Sinn für Timing hat.

Entdecke mehr von drachenzentrumullrichdotcom

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen