Wenn du einen Tag aus deiner Vergangenheit noch einmal erleben könntest: Welcher wäre das – und warum?
Blick nach vorn
Blick nach vorn ist meine Antwort auf die Frage, welchen Tag meines Lebens ich gerne noch einmal erleben würde. Und meine Antwort darauf ist erstaunlich eindeutig: keinen. Nicht, weil es in meinem Leben keine schönen Tage gegeben hätte. Nicht, weil es keine kostbaren Begegnungen, besonderen Momente oder Augenblicke gegeben hätte, die tief in meiner Erinnerung geblieben sind. Sondern weil jeder dieser Tage bereits gelebt wurde. Er gehört zu meinem Weg, zu meiner Geschichte und zu dem Fundament, auf dem ich heute stehe. Ich muss ihn nicht wiederholen, um seinen Wert zu erkennen.
Mein Leben war nie darauf ausgerichtet, möglichst lange an einem bestimmten Augenblick festzuhalten. Es war Bewegung. Entwicklung. Veränderung. Manches davon war wunderschön, anderes unglaublich anstrengend. Es gab Zeiten des Aufbaus und Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte, kaum mit dem Reparieren hinterherzukommen. Es gab Entscheidungen, die neue Türen öffneten, und Erfahrungen, bei denen ich erst viel später verstand, wozu sie eigentlich gut gewesen waren. All das gehört zu mir. Aber genau deshalb möchte ich keinen dieser Tage noch einmal leben.
Denn was sollte ich dort?
Ich habe ihn doch bereits durchschritten.
Jeder vergangene Tag hat etwas hinterlassen. Wissen, Erfahrung, Fähigkeiten, Erinnerungen, Klarheit oder manchmal schlicht die Erkenntnis, welchen Weg ich kein zweites Mal gehen möchte. Auch das ist wertvoll. Vielleicht sogar wertvoller als jene nostalgische Vorstellung, man könne einen besonders schönen Moment einfach zurückholen und noch einmal genauso erleben.
Mein Blick nach vorn bedeutet deshalb nicht, meine Vergangenheit abzulehnen. Ganz im Gegenteil. Ich nehme sie mit. Sie ist Teil meines inneren Vermögens. Alles, was ich gelernt, aufgebaut, verloren, neu erschaffen, verstanden und verändert habe, steckt heute in mir. Genau deshalb muss ich nicht zurückgehen, um es noch einmal zu holen.
Blick nach vorn heißt ankommen
Wenn es im Moment überhaupt einen Tag gibt, den ich unbedingt erleben möchte, dann liegt dieser Tag nicht hinter mir. Er liegt vor mir.
Es ist der Tag, an dem eine lange Zwischenphase endet und etwas, das längst als Vision existiert, endgültig Wirklichkeit geworden ist. Der Tag, an dem nicht mehr geplant, vorbereitet, organisiert und auf den richtigen Moment hingearbeitet wird, sondern an dem wir angekommen sind. Wenn die Koffer ausgepackt sind. Wenn die Tiere auf ihren Weiden stehen. Wenn aus Plänen Räume geworden sind, aus Vorstellungen Alltag und aus einer lange getragenen Vision ein tatsächlich gelebter Ort.
Ich möchte nicht zurück. Im Moment würde ich manchmal viel lieber vorspulen.
Denn genau diese Zwischenräume können eine eigenartige Qualität haben. Innerlich ist das Neue längst da. Man kennt es. Man sieht es. Man hat es durchdacht, gestaltet und in unzähligen kleinen und großen Entscheidungen vorbereitet. Gleichzeitig braucht die materielle Wirklichkeit ihre eigene Zeit. Verträge brauchen ihre Zeit. Ein Umzug braucht seine Zeit. Aufbau braucht seine Zeit. Dinge müssen sich zusammenfügen, Menschen müssen einander finden und aus Möglichkeiten müssen konkrete Wege entstehen.
Und während all das geschieht, steht man manchmal innerlich schon am Ziel und fragt sich, weshalb der Rest der Welt eigentlich so langsam hinterherkommt.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung dieser Phase: nicht zurückzuschauen, sondern die Spannung zwischen dem bereits Gewordenen und dem noch Sichtbarwerdenden auszuhalten.
Das Drachenzentrum gehört für mich genau in diesen Blick nach vorn. Es ist nicht einfach irgendein nächstes Projekt. Vieles, was vorher scheinbar getrennt nebeneinanderstand, findet dort seinen gemeinsamen Raum. Die Arbeit mit Menschen, die Tiere, die Kunst, das Handwerk, Entwicklung, Bewusstsein und all die Erfahrungen, die sich über viele Jahre angesammelt haben, müssen nicht länger voneinander getrennt betrachtet werden. Sie gehören zusammen.
Vielleicht liegt genau darin auch der Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft. In der Vergangenheit entstanden viele einzelne Bausteine. Jetzt entsteht daraus das Gebäude.
Deshalb würde ich keinen vergangenen Tag noch einmal wählen. Selbst den schönsten nicht. Ich möchte ihn an seinem Platz lassen. Ich möchte wissen, dass er da war, mich an ihm freuen können und gleichzeitig weitergehen.
Denn ich bin neugierig auf Tage, die ich noch überhaupt nicht kenne.
Auf den ersten Morgen nach dem Ankommen. Auf den Augenblick, in dem sich etwas, das lange nur Vorstellung war, vollkommen selbstverständlich anfühlt. Auf das erste Öffnen der Türen. Auf neue Menschen, die heute noch nicht wissen, dass sich unsere Wege kreuzen werden. Auf Begegnungen, Ideen und Möglichkeiten, die noch gar keinen Namen haben.
Vielleicht wird irgendwann einer dieser zukünftigen Tage zu einem jener Tage, bei denen man rückblickend denkt: Ja, genau dort hat etwas Neues begonnen.
Aber selbst dann würde ich vermutlich nicht zurückreisen wollen.
Ich würde mich daran erinnern, ihn würdigen und weitergehen.
Denn Vergangenheit ist für mich kein Ort, an dem ich wohnen möchte. Sie ist das Fundament. Darauf entsteht das Nächste.
Und deshalb bleibt meine Antwort auf die Frage, welchen Tag ich noch einmal erleben möchte, dieselbe: keinen.
Mein Tag liegt vor mir.
Mein Blick nach vorn auch.

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