An welchen kleinen Moment aus deiner Vergangenheit denkst du Jahre später immer noch?
Erster Galopp
Der erste Galopp eines jungen Pferdes kann ein Augenblick sein, der sich für immer in die Seele eines Menschen einschreibt. Nicht wegen einer besonderen reiterlichen Leistung, nicht wegen einer bestandenen Prüfung und auch nicht wegen der Anerkennung anderer Menschen. Sondern weil in diesem einen Augenblick etwas geschieht, das sich kaum mit Worten beschreiben lässt. Ein Lebewesen entdeckt eine neue Möglichkeit, sich auszudrücken, und der Mensch darf daran teilhaben.
Es gibt Erinnerungen, die brauchen keine Fotografien, um lebendig zu bleiben. Sie sind so tief im eigenen Erleben verankert, dass sie auch Jahrzehnte später noch genauso gegenwärtig sind wie damals.
Eine solche Erinnerung ist für mich der erste Galopp meines jungen schwarzen Araberhengstes Sary auf einem weichen Sandplatz.
Ich hatte gerade einmal vier Wochen zuvor begonnen, mich auf seinen Rücken zu setzen. Wir standen noch ganz am Anfang unserer gemeinsamen reiterlichen Entwicklung. Trotzdem nahm ich ihn bereits mit zu einem Trainerkurs, bei dem ich mit meinem Hengst und meiner eigenen Katze unterwegs war.
Für andere war das vielleicht eine ganz gewöhnliche Situation auf einem Reitplatz. Ein junges Pferd, eine Reiterin und der Versuch, eine neue Gangart zu entwickeln. Für mich war es sehr viel mehr.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich versuchte, ihn zum Angaloppieren zu bewegen. Es ging nicht darum, ihn irgendwie in eine Gangart hineinzudrängen. Ich wollte ihm vermitteln, welche Bewegung ich meinte.
Und dann geschah etwas Wunderschönes.
Er spürte den weichen Sand unter seinen Hufen.
Plötzlich veränderte sich seine Bewegung. Es war, als würde er den Boden unter sich neu entdecken. Als würde er begreifen, dass dieser weiche Untergrund ihm eine ganz andere Möglichkeit gab, seinen Körper zu tragen und sich frei zu bewegen.
Und dann begann er zu schweben.
Nicht einfach nur zu galoppieren. Er schwebte.
In diesem Augenblick war es, als würde er mich fragen: „Meinst du ungefähr das?“
Und meine Antwort war: „Ja, genau das!“
Es war ein Dialog, der keine gesprochenen Worte brauchte. Eine Verständigung zwischen zwei Lebewesen, die in diesem Augenblick vollkommen miteinander verbunden waren.
Niemand hat diesen ersten Galopp fotografiert.
Es gibt kein Bild davon, keine Aufnahme, die ich anderen zeigen könnte. Und trotzdem sehe ich ihn noch heute vor mir. Ich erinnere mich an dieses Gefühl, an die Leichtigkeit und an die besondere Verbindung zwischen uns.
Für mich war dieser Augenblick heilig.
Erster Galopp und Verbundenheit
Was die anderen Menschen auf dem Platz nicht verstehen konnten, war die Bedeutung dieses Moments für mich.
Sie sahen ein junges Pferd, das zum ersten Mal unter seiner Reiterin galoppierte. Ich erlebte ein Wesen, das mir vertraute, das mit mir kommunizierte und das gerade eine neue Erfahrung seines eigenen Körpers machte.
Das war kein gewöhnlicher Ausbildungsschritt. Es war ein gemeinsames Erlebnis voller Vertrauen, Freude und gegenseitiger Wahrnehmung.
Und mitten in dieser besonderen Situation entdeckte ich einen Stein auf dem Sandplatz.
Ich bat darum, dass jemand diesen Stein entfernte.
Für mich war das selbstverständlich. Ein Pferd, das sich gerade mit einer neuen Bewegung vertraut macht, soll sich auf seinen Körper, seinen Menschen und den Untergrund verlassen können. Ein Stein gehört nicht auf einen Platz, auf dem Pferde arbeiten und sich bewegen.
Doch meine Bitte löste offenbar noch mehr Unverständnis aus als meine Freude über den ersten Galopp.
Die anderen schauten mich an, als käme ich vom Mars.
Sie konnten nicht nachvollziehen, weshalb dieser kleine Stein für mich wichtig war. Genauso wenig verstanden sie, weshalb ich den ersten Galopp als etwas Heiliges empfand.
Dabei gehörte für mich beides untrennbar zusammen.
Die Freude über die Entwicklung eines Lebewesens und die Verantwortung, auf seine Sicherheit zu achten.
Nachdem ich Sary in seine Box gebracht und versorgt hatte, widmete ich mich meiner eigenen Katze, einer Black-Smoke Maine Coon, die ich zum Trainerkurs mitgenommen hatte. Ich wollte nicht, dass sie sich so einsam fühlte.
Auch das konnten die anderen Menschen nicht verstehen.
Nachdem sie mich auf dem Sandplatz bereits angesehen hatten, als käme ich vom Mars, war ich für sie nun offenbar endgültig außerirdisch.
Für mich war es vollkommen selbstverständlich, mich auch um meine Katze zu kümmern. Sie gehörte zu mir, ich hatte sie mitgebracht, und selbstverständlich war mir wichtig, wie es ihr ging.
Es war dieselbe innere Haltung, mit der ich zuvor meinen Hengst begleitet hatte.
Nicht die äußere Bedeutung eines Lebewesens entscheidet darüber, wie viel Zuwendung es verdient. Nicht seine Leistung, sein Nutzen oder seine Stellung im Leben eines Menschen.
Ein Pferd, das seinen ersten Galopp entdeckt, ist für mich genauso in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen wie meine Katze, der ich nach dem Versorgen meines Hengstes meine Aufmerksamkeit schenkte.
Beide haben ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigenen Empfindungen und ihre eigene Art, mit ihrer Umgebung in Verbindung zu treten.
Und vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen dem, was viele Menschen unter dem Umgang mit Tieren verstehen, und dem, was ich tatsächlich mit ihnen lebe.
Ich sehe nicht zuerst die Aufgabe, die ein Tier erfüllen soll. Ich nehme das Lebewesen wahr, das mir begegnet.
Ich freue mich nicht nur darüber, dass ein Pferd etwas gelernt hat. Ich freue mich darüber, dass es etwas entdeckt hat.
Ich achte nicht nur darauf, dass eine Übung gelingt. Ich nehme wahr, wie sich das Pferd dabei fühlt, wie es seinen Körper einsetzt und wie es mit mir kommuniziert.
Und ich gehe nicht achtlos an einem anderen Tier vorbei, nur weil es gerade nicht zum eigentlichen Programm gehört.
Jahre später ist mir von diesem Trainerkurs nicht irgendeine technische Anweisung in Erinnerung geblieben. Auch keine Bewertung meiner reiterlichen Fähigkeiten.
Was geblieben ist, ist dieser schwebende erste Galopp.
Das Gefühl, als würde mein Hengst mich voller Entdeckerfreude fragen, ob genau das die Bewegung sei, die ich mir von ihm wünsche.
Der Stein im Sand.
Die verständnislosen Blicke.
Und meine eigene Katze, der ich anschließend meine Aufmerksamkeit schenkte.
Vielleicht waren es für die anderen Menschen nur unbedeutende Kleinigkeiten.
Für mich waren es Augenblicke voller Leben.
Und wenn ich heute gefragt werde, an welchen kleinen Moment meiner Vergangenheit ich selbst Jahre später noch denke, dann gehört dieser erste Galopp ganz sicher dazu.
Denn manche Augenblicke werden nicht dadurch groß, dass viele Menschen sie bewundern.
Sie werden groß durch das, was zwischen zwei Lebewesen geschieht.
Und manchmal braucht es dafür nichts weiter als einen jungen schwarzen Araberhengst, weichen Sand und dieses wunderbare Gefühl, gemeinsam für einen Augenblick zu schweben.

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