Die verlorene Kunst der Dauerhaftigkeit: Warum ich mich weigere, zu „vermissen“

Welche veraltete Technik vermisst du am meisten – und warum?

…. Die Antwort darauf ist für mich eine Herausforderung, denn ich vermisse sie nicht – ich praktiziere sie täglich. In unserem Leben und im Drachenzentrum-Ullrich ist das Wissen um die Handarbeit, das Spinnen, Weben oder die manuelle Fertigung nicht in die Vergangenheit verbannt. Es ist unser Hier und Jetzt.
Warum also stellt sich diese Frage so hartnäckig?
Das Problem ist nicht das Verschwinden der Technik, sondern das Verschwinden der Wertschätzung.
Schon als Kind vor 40 Jahren habe ich eine tiefe Abneigung gegen den „billigen Plastik-Kleinkram“ gespürt. Dieses Gefühl hat mich nie verlassen. Wenn wir heute auf unsere Welt schauen, sehen wir eine Flut von Dingen, die zwar funktionieren, aber keine Geschichte erzählen. Sie sind dazu gemacht, ersetzt zu werden, nicht um gepflegt zu werden.
Was wirklich fehlt:
Wenn wir von „alten Techniken“ sprechen, geht es eigentlich um:
Die Zeit, die in einem Objekt steckt: Ein handgefertigtes Stück ist nicht nur ein Gegenstand; es ist Zeit, Konzentration und ein Teil Lebensenergie.
Die Reparierbarkeit: Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Die Fähigkeit, etwas von Hand zu reparieren oder zu erhalten, wird heute oft als „ineffizient“ belächelt, dabei ist es die höchste Form der Nachhaltigkeit.
Die Verbindung zum Ursprung: Ob es die Arbeit mit den Tieren ist oder das Handwerk an einem Webstuhl – wir bleiben bei den Methoden, die eine direkte Verbindung zwischen Geist, Hand und dem Endprodukt zulassen.
Mein Plädoyer für das „Gute Alte“
Ich vermisse keine Technik, ich vermisse die Selbstverständlichkeit, mit der Qualität geachtet wurde. Dass mein Mann und ich immer noch alles von Hand machen können, ist für uns kein nostalgischer Rückzug. Es ist ein Akt der Souveränität.
Wir entscheiden uns bewusst gegen den Plastik-Trend und für die Beständigkeit. Vielleicht ist die eigentliche Herausforderung unserer Zeit nicht das Erlernen neuer Technik, sondern das Festhalten an dem, was echte Tiefe hat.


Entdecke mehr von drachenzentrumullrichdotcom

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

5 Gedanken zu “Die verlorene Kunst der Dauerhaftigkeit: Warum ich mich weigere, zu „vermissen“

    1. Das ist ein sehr tiefgreifender und wichtiger Punkt, den du da ansprichst. Ich nehme diese schleichende Entwertung durch die Normalisierung der universellen Ersetzbarkeit tatsächlich schon seit den 90er Jahren bewusst wahr.

      Damals habe ich für mich beschlossen, genau dieser Entwicklung eine klare Grenze zu setzen. Wenn Menschen versuchten, meine handgefertigten Kunstwerke und Sonderanfertigungen im Preis zu drücken, habe ich konsequent abgelehnt. Ich erinnere mich noch gut an eine Situation auf einer Veranstaltung, als ein junger Mensch in mein Zelt kam und mich in einer sehr respektlosen Weise fragte, wie weit ich mich denn runterhandeln ließe. Meine Antwort war damals kurz und deutlich: ‚Geh bitte zu einem Discounter, wenn du solche Preise suchst – meine Kunst ist nicht verhandelbar.‘

      Diese Haltung vertrete ich heute – mit noch mehr Tiefe – auch in meiner Arbeit in der Lebensberatung. Wahre Qualität, Einzigartigkeit und Herzblut haben ihren Preis, weil sie eben nicht austauschbar sind. Wertschätzung beginnt genau dort, wo man erkennt, dass man es nicht mit einer Massenware zu tun hat, sondern mit etwas, das aus einer persönlichen Essenz gewachsen ist. Danke, dass du dieses wichtige Thema angestoßen hast!

      1. Was mir eben noch zum Thema eingefallen ist: Der Juniorgeschäftsführer meiner Firma verbreitet gerne Sätze wie „ Jeder ist ersetzbar „ . Kommt besonders gut in einer Firma die ihren Umsatz zum größten Teil aufgrund der Fähigkeiten und Erfahrungen älterer Mitarbeiter generiert.

      2. Hallo
        Ich habe diesen Satz: „jeder ist ersetzbar“ gelesen und die „Fassungslosigkeit“ darübe fast körperlich gespürt.
        Meiner Meinung nach ist der Satz als solcher im jeweiligen Kontext zu sehen.
        Kein Mensch, also kein Charakter, keine Persönlichkeit ist ersetzbar. Dem stimme ich zu. Eine Arbeitskraft hingegen ist ersetzbar und das ist meiner Meinung nach auch gut. Ich selbst bin beruflich solch ein Ersatz und bin unendlich dankbar, diese Chance bekommen zu haben. Ich durfte wunderbare und wertvolle Menschen kennen lernen und einen unersetzbaren Erfahrungsschatz sammeln.
        Natürlich kann und will ich meine Vorgängerin als Mensch nicht ersetzen. Hier kann nicht einfach getauscht werden. Das muss ich erst hin bekommen. Natürlich mache ich meine Arbeit anders, als K. sie getan hat. Das ist auch richtig so.
        Man hat mir am Anfang klar und deutlich zu versehen gegeben, dass man mit meiner Vorgängerin sehr zufrieden war. Vertrauen wuchs über Monate. Man kannte sich. Das musste ich erst aufbauen. Ich hatte es nicht unbedingt leicht und manche Kunden haben mir den Anfang sehr schwer gemacht und mich lange getestet. …..
        Wenn heute eine Vertretungskraft oder gar ein Wechsel ansteht und die Kunden „jammern“ sage ich stets: „ihr habt mir eine Chance gegeben und ich wünsche, dass ihr meiner Vertretung (oder Nachfolger*in) die gleiche Chance gebt wie ihr sie mir gegeben habt. Sie /er wird es anders machen, aber anders heißt nicht schlechter.“
        Mir persönlich nimmt dieses „ersetzbar sein“ Druck weg. Ich weiß, meine Kunden sind in meinem Urlaub oder bei Krankheit gut versorgt. Selbst bei einem personellen Wechsel, dass ich Kunden abgeben muss, weiß ich, sie werden weiter betreut. Dadurch kann ich mir guten Gewissens „erlauben“ auf mich zu achten und für mich zu sorgen. Früher bin ich mit dem Kopf unterm Arm losgezogen. Habe meine körperlichen und gesundheitlichen Grenzen weit überschritten. Ich weiß, es wird weiter gehen, auch ohne mich. Das ist für mich ein sehr beruhigender Gedanke. Von mir hängt das Leben anderer nicht ab.
        Und über meine Vorgängerin und meine Vertretungen bzw Nachfolger spreche ich stets wohlwollend und respektvoll.

        Ja, ist am eigentlichen Thema etwas vorbei geschrabbt 😉🙈, über den Satz „jeder ist ersetzbar“ und das Entsetzen darüber, bin ich echt gestolpert.
        Viele Grüße

Kommentar verfassen