Mit welcher Autorin oder welchem Autor würdest du gern mal zu Abend essen?
Der Apfel am Baum und der Rat, den meine Mutter ausschlug jedoch meinen Weg prägte, warum meine Herde heute aus Ponys in allen Größen besteht
Kürzlich gab es diese Schreibanregung: „Mit welcher Persönlichkeit würdest du gerne mal zu Abend essen?“ Meine Antwort kam ohne Zögern: Mit Erwin Strittmatter.
Warum? Weil er der Auslöser für einen der prägendsten Momente meines Lebens war. Ein Moment, der mir gezeigt hat, was es bedeutet, einen eigenen Kompass zu haben, und der den Grundstein für meine heutige Arbeit gelegt hat.
Die Begegnung fand damals statt, als meine Mutter Araberpferde von ihm kaufen wollte. Sie hatte einen Plan, und der sah drei Araber vor. Strittmatter, der Mann, der Pferde verstand, sah das anders. Er legte meiner Mutter nahe: „Kaufen Sie nicht drei Araber. Kaufen Sie zwei Araber und ein Pony.“
Meine Mutter sah das nicht ein. Sie kaufte ihre drei Araber, und das Thema war erledigt.
Das falsche Skript: „Freudestrahlend“ und verlogen
Aber für mich war dieser Moment ein Schlüsselerlebnis. Er hat sich eingebrannt. Und er steht in direktem Kontrast zu dem, was meine Mutter mir später einimpfen wollte. Ihr Credo für das Leben und die Geschäftswelt war: „Du musst ein Geschäftslächeln aufsetzen.“
Ich hätte „freudestrahlend“ Leuten erklären sollen, was ich will, oder ihnen Honig um den Bauch schmieren, um zu bekommen, was ich brauche. Ich sollte eine Rolle spielen, eine Maske tragen, innerlich verachten, während ich äußerlich lächle.
Nur: Ich kann das nicht. Ich habe es damals nicht gekonnt, und ich kann es heute nicht. Diese Unehrlichkeit ist mir physisch unmöglich. Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass dieser Widerwille gegen das „Geschäftslächeln“ keine Schwäche ist, sondern meine Integrität.
Die Konsequenz: Eine Herde aus der Notwendigkeit
Dass meine Mutter den Rat von Strittmatter ausschlug und das Pony ablehnte, hatte Konsequenzen. Aber die wichtigere Konsequenz ist die Haltung, die ich daraus entwickelt habe.
Weil sie das Pony damals nicht wollte, habe ich heute meinen Weg konsequent andersherum gebaut. Meine heutige Reittherapie-Herde besteht aus lauter Ponys, die mit Kindern arbeiten. Ich habe Ponys in allen Größenordnungen – passend für die Kinder, die zu mir kommen.
Ich habe gelernt, dass man nicht den großen, hitzblitzigen Araber (wie den meiner Mutter) nimmt, auf dem Kinder aufgeschmissen sind und auf dem man nur reiten kann, um Leistung zu zeigen. Man braucht Partner, die sich auf die jeweilige Situation einstellen, die in der richtigen Größenordnung sind und die Kinder tragen und begleiten können, anstatt sie zu überfordern.
Das ist der Grund, warum ich heute so arbeite, wie ich arbeite. Es ist die direkte Antwort auf die Erfahrung von damals und das verhasste, unechte Lächeln, das ich nie aufsetzen wollte. Ich bin kein Verkäufer, ich bin jemand, der Klarheit lebt.
Häufige Fragen (FAQ)
1. Warum ist Authentizität gerade in der Arbeit mit Kindern und Tieren so essenziell?
Tiere und Kinder haben extrem feine Antennen für Echtheit. Sie reagieren auf klare Führung und ehrliche Präsenz, nicht auf aufgesetzte Freundlichkeit oder Fassaden. Wer in diesem Bereich arbeitet, muss zu 100% integer sein, sonst bricht das Vertrauen sofort zusammen.
2. Wie findet man zur eigenen beruflichen Sprache, wenn man das „Geschäftslächeln“ ablehnt?
Die eigene Biografie und die daraus entstandene Arbeitsweise (wie hier die artgerechte Ponyauswahl aus der Kindheitserfahrung heraus) sind das stärkste Argument. Man muss nicht lächeln, man muss nur für seine Sache brennen und klar kommunizieren, warum man es anders macht als der Standard.
3. Warum fällt es so schwer, die eigenen Werte gegen Widerstände durchzusetzen?
Wenn man, wie hier, von klein auf gelernt hat, dass die eigene Perspektive (der Rat, ein Pony zu kaufen) von Autoritätspersonen (der Mutter) abgelehnt wird, entsteht ein tiefes Gefühl der Ohnmacht. Es braucht viel Kraft, sich daraus zu lösen und den eigenen Weg zu gehen.
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