Hast du es schon mal bereut, ein Buch gelesen zu haben – welches und warum?
Bücher lesen ist für mich keine neutrale Beschäftigung, bei der ich Seite um Seite durchgehe, Informationen aufnehme und das Buch danach einfach wieder zuklappe. Texte wirken auf mich. Worte wirken auf mich. Bilder wirken auf mich. Töne, Geschichten, Filme und selbst ein scheinbar harmloser Witz können in mir etwas auslösen, wenn ich in dem Moment zu offen bin oder der Inhalt mich an einer Stelle trifft, an der ich ihn nicht einfach wieder abschütteln kann.
Deshalb ist die Frage, ob ich schon einmal bereut habe, ein Buch gelesen zu haben, für mich eigentlich falsch gestellt. Ich komme oft gar nicht bis zu diesem Punkt. Mein Inneres hat so etwas wie einen Schutzschalter. Wenn ein Text für mich nicht stimmt, wenn sich etwas darin falsch, übergriffig oder energetisch nicht passend anfühlt, kann es passieren, dass mein Körper die Entscheidung längst getroffen hat, bevor mein Verstand überhaupt darüber nachdenken kann, ob ich weiterlesen möchte.
Mir wird schwindlig. Die Buchstaben verschwimmen. Ich kann den Text nicht mehr richtig erfassen. Im Extremfall kippt mein gesamtes System aus der Situation heraus. Dann ist Schluss. Nicht, weil ich die Wörter nicht verstehen würde. Nicht, weil mir die Intelligenz oder Konzentration dafür fehlen würde. Sondern weil in mir etwas sehr deutlich sagt: Das ist gerade zu viel oder das gehört nicht hierher.
Das betrifft nicht nur Bücher. Es kann auch passieren, wenn mir jemand im völlig falschen Moment einen blöden Witz erzählt. Es kann bei einem Film passieren. Es kann bei einer Szene passieren, die für andere Menschen vielleicht völlig normal oder nur spannend ist, während sie in mir etwas viel Größeres auslöst.
Genau deshalb schaue ich schon lange keine Horrorfilme und kaum noch Actionfilme. Sie sind mir zu schnell, zu laut, zu bildhaft und oft auch zu gewaltgeladen. Die Bilder kommen nicht einfach und gehen wieder. Sie hinterlassen Resonanz. Sie setzen etwas in Bewegung. Und wenn ich weiß, dass etwas in mir so stark arbeitet, dann muss ich mich nicht freiwillig permanent mit Bildern füttern, die mich innerlich aufwühlen.
Stattdessen höre ich sehr viel. Hörbücher funktionieren für mich oft wesentlich besser, weil ich nicht gleichzeitig mit einer Flut fremder Bilder konfrontiert werde. Das gesprochene Wort lässt mir mehr Raum. Ich kann meine eigenen Bilder entstehen lassen. Ich kann Abstand halten. Ich kann stoppen. Ich kann entscheiden, wie nah ich etwas an mich heranlasse.
Bücher lesen und Wahrnehmung
Bücher lesen bedeutet für mich deshalb immer auch Wahrnehmung. Ich nehme nicht nur auf, was irgendwo geschrieben steht. Ich nehme wahr, wie etwas geschrieben wurde, mit welcher Absicht es auf mich wirkt und welche Reaktion es in mir auslöst. Manche Texte öffnen etwas. Manche erzeugen Enge. Manche machen mich wach und neugierig. Andere fühlen sich an, als wollten sie nicht mit mir sprechen, sondern etwas über mich legen.
Besonders deutlich merke ich das bei Texten, die ich als dominant, verfälscht oder als Machtinstrument empfinde. Dazu gehören für mich auch bestimmte religiöse Texte und die Art, wie sie über Jahrhunderte ausgelegt, weitergetragen und zur Einflussnahme benutzt wurden. Andere Menschen können diese Texte vollkommen anders erleben. Für mich ist entscheidend, was mein eigenes System damit macht.
Und genau dort liegt auch der Zusammenhang zu meiner eigenen Arbeit.
Ich produziere inzwischen selbst Bilder und Filme. Nicht, weil Bilder für mich unwichtig wären, sondern gerade weil ich weiß, wie stark sie wirken können. Natürlich tauchen auch in meinen Arbeiten Gewalt, Druck, Manipulation, Abhängigkeit oder dunkle Themen auf. Aber ich benutze sie anders. Es geht mir nicht darum, Gewalt attraktiv zu machen oder Spannung daraus zu erzeugen, dass jemand leidet. Ich möchte sichtbar machen, wo Gewalt längst vorhanden ist, ohne dass sie als solche erkannt wird.
Denn Gewalt muss nicht immer laut sein.
Sie kann in Sprache stecken. In Bildern. In Regeln. In Erwartungen. In gesellschaftlichen Erzählungen. In dem ständigen Gefühl, man müsse sich anpassen, funktionieren, gehorchen oder etwas glauben, nur weil es oft genug wiederholt wurde.
Viele Menschen nehmen diese Ebenen gar nicht bewusst wahr. Vielleicht können sie einen Film sehen, einen Text lesen, eine Werbung betrachten oder eine bestimmte Form von Kommunikation erleben und danach einfach weitermachen. Bei mir funktioniert das nicht so. Ich merke oft sehr schnell, wenn etwas in mir Widerstand erzeugt.
Früher hätte ich vielleicht versucht, diesen Widerstand zu überwinden. Heute arbeite ich damit.
Ich passe meine Arbeitsweise daran an. Ich höre statt zu lesen, wenn Lesen gerade nicht möglich ist. Ich erschaffe eigene Bilder, statt mich mit Bildern zu überfluten, die ich nicht in meinem System haben möchte. Ich produziere meine eigenen Filme und Geschichten so, dass sie genau auf das aufmerksam machen, was sonst häufig unbewusst im Hintergrund läuft.
Meine Kunst wird dadurch zu einer Gegenbewegung.
Nicht im Sinne eines Kampfes gegen jede fremde Darstellung. Sondern als bewusste Entscheidung dafür, andere Bilder in die Welt zu setzen.
Bilder, die sichtbar machen.
Bilder, die Fragen öffnen.
Bilder, die das ausdrücken, wofür es manchmal kaum Worte gibt.
Vielleicht ist genau das mein Schutzschalter. Er verhindert nicht, dass ich wahrnehme. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Ich nehme sehr viel wahr. Deshalb muss ich auswählen, womit ich mich verbinde und was ich in mein Inneres hineinlasse.
Wenn mich also jemand fragt, welches Buch ich bereue gelesen zu haben, lautet meine Antwort noch immer: keines.
Nicht, weil jedes Buch gut gewesen wäre.
Sondern weil mein Inneres meistens sehr genau weiß, wann es reicht.

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