Unser Kennenlernensjahr

Wenn du ein Jahr deines Lebens noch einmal erleben könntest – welches wäre das?

Blondes Gothic-Paar begegnet sich auf einer dunklen Tanzfläche und schaut sich voller Verliebtheit und Magie an.
Ein Blick, der alles verändert.

Kennenlernensjahr ist das eine Wort, das mir sofort einfällt, wenn ich gefragt werde, welches Jahr meines Lebens ich noch einmal erleben möchte. Nicht, weil danach alles einfach gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Vielleicht ist gerade deshalb dieses eine Jahr so tief in mir geblieben. Es war die Zeit, in der Tom und ich uns kennenlernten, uns ineinander verliebten und etwas zwischen uns entstand, das sich für mich tatsächlich wie ein Märchen anfühlte.

Es gab diese Abende, an denen wir uns auf der Tanzfläche begegneten, obwohl niemand etwas verabredet hatte. Keiner wusste, ob der andere wirklich kommen würde. Und trotzdem war da diese Hoffnung. Vielleicht ist er da. Vielleicht ist sie da. Dieses Bauchkribbeln auf dem Weg dorthin, diese gespannte Vorfreude und dann dieser Moment, in dem man den anderen tatsächlich sieht. Für mich hatte das eine Magie, die ich bis dahin in dieser Form nicht gekannt hatte.

Man kann solche Momente im Nachhinein kaum erklären. Es sind nicht nur die großen Ereignisse, an die man sich erinnert. Es ist dieses Gefühl, das über allem liegt. Die Welt wirkt plötzlich heller. Ein ganz normaler Tag bekommt Bedeutung, nur weil man weiß, dass man den anderen vielleicht später sehen wird. Man ertappt sich dabei, dass man lächelt, ohne einen sichtbaren Grund dafür zu haben. Und gleichzeitig ist alles noch neu. Man kennt den anderen noch nicht bis in jede Ecke. Man entdeckt sich. Man wartet aufeinander. Man freut sich aufeinander.

Genau dieses erste gemeinsame Jahr würde ich noch einmal erleben wollen.

Nicht, weil ich heute zurückgehen und alles, was danach entstanden ist, auslöschen möchte. Vieles von dem, was später kam, gehört zu unserer Geschichte. Wir haben unglaublich viel miteinander erlebt, aufgearbeitet, getragen, aufgebaut und verändert. Aber wenn ich an dieses erste Jahr denke, dann denke ich an eine Zeit, bevor andere Stimmen plötzlich lauter wurden als das, was zwischen uns selbst entstanden war.

Kennenlernensjahr ohne Riss

Denn nach diesem wunderschönen Anfang kam ein radikaler Bruch.

Tom war damals noch sehr jung und ließ sich von seinem Umfeld stark beeinflussen. Was zwischen uns gewachsen war, bekam plötzlich Risse durch Dinge, die eigentlich von außen kamen. Für mich war das besonders hart, weil ich selbst zuvor gerade aus einer Trennung gekommen war, die mich bereits tief verletzt hatte. Ich war nicht unberührt in diese neue Beziehung gegangen. Ich hatte gerade erlebt, wie schmerzhaft Nähe und Verlust sein können.

Und dann kam Tom.

Mit diesem unglaublichen ersten Jahr. Mit diesem Gefühl, dass nach all dem Schweren doch noch etwas vollkommen anderes möglich sein könnte.

Vielleicht war genau deshalb der spätere Bruch so schmerzhaft. Weil ich nicht nur einen Konflikt erlebt habe. Es fühlte sich an, als würde ausgerechnet dort etwas zerbrechen, wo ich gerade begonnen hatte, wieder an etwas Schönes zu glauben.

Diesen Schmerz habe ich nie vergessen.

Ein Jahr später erkannte Tom selbst, dass das, was passiert war, ein Fehler gewesen war. Danach begann unsere gemeinsame Aufarbeitung. Vieles musste angesehen werden. Vieles musste seinen Platz finden. Beziehungen bestehen schließlich nicht nur aus den märchenhaften Momenten. Sie zeigen auch, was Menschen aus ihrer Vergangenheit mitbringen, welchen Stimmen sie vertrauen, was sie lernen müssen und wie sehr sie bereit sind, irgendwann ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

Trotzdem gibt es in mir diesen Gedanken: Wie wäre es gewesen, wenn dieser Riss niemals entstanden wäre?

Wenn dieses erste Jahr einfach weitergegangen wäre?

Wenn wir uns weiterhin auf dieser Tanzfläche begegnet wären, mit diesem Kribbeln im Bauch und der Freude darüber, dass der andere wirklich gekommen ist?

Wenn niemand von außen zwischen das geraten wäre, was gerade erst angefangen hatte, seine eigene Form zu finden?

Genau deshalb würde ich nicht irgendein spektakuläres Jahr meines Lebens noch einmal auswählen. Ich würde auch kein Jahr nehmen, in dem besonders viel Geld da war, ein großes Ziel erreicht wurde oder etwas äußerlich Beeindruckendes passiert ist.

Ich würde dieses Kennenlernensjahr wählen.

Ich würde noch einmal dieses Kribbeln fühlen wollen. Diese Erwartung. Diese Unsicherheit, ob der andere auftaucht, und dann dieses innere Leuchten, wenn er tatsächlich da ist. Ich würde noch einmal erleben wollen, wie aus zwei einzelnen Lebenswegen langsam ein gemeinsamer wird.

Nur dieses Mal würde ich mir wünschen, dass niemand dazwischenkommt.

Dass diese Geschichte an genau der Stelle, an der sie damals einen Riss bekam, einfach weiterfließen darf.

Vielleicht besteht der tiefste Wunsch beim Zurückschauen manchmal gar nicht darin, eine Vergangenheit komplett zu verändern. Vielleicht möchte man nur einen einzigen Moment anders verlaufen lassen, weil man weiß, wie schön alles unmittelbar davor gewesen ist.

Wenn ich also noch einmal ein Jahr meines Lebens erleben dürfte, wäre es dieses.

Unser erstes Jahr.

Unser Kennenlernen.

Unser Verlieben.

Diese beinahe unwirkliche Magie zwischen zwei Menschen, die beide auf dieselbe Tanzfläche gehen, ohne zu wissen, ob der andere dort sein wird, und insgeheim doch genau darauf hoffen.

Und wenn ich diesem Jahr nur eine einzige neue Möglichkeit schenken dürfte, dann diese:

Dass es diesmal keinen Riss gibt.

Dass die Magie einfach weitergeht.


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