Wenn morgen Aliens landen würden: Was würdest du sie als Erstes fragen?
Aliens in der Matrix
Aliens würden von mir vermutlich nicht zuerst gefragt werden, wie ihr Raumschiff funktioniert, wie viele Lichtjahre sie unterwegs waren oder ob sie zufällig eine Technologie dabeihaben, die meine Stromrechnung verschwinden lässt. Meine erste Frage wäre wahrscheinlich sehr viel einfacher und gleichzeitig ein bisschen merkwürdiger: Wie ist eigentlich die Luft in eurer Matrix?
Denn wenn morgen tatsächlich Aliens vor meiner Tür landen würden, wäre ich vermutlich weniger daran interessiert, ob sie drei oder sieben Augen haben. Ich würde wissen wollen, wie sich ihre Wirklichkeit anfühlt. Ob sie überhaupt so etwas wie eine Matrix kennen. Ob ihre Welt ebenfalls aus Regeln, Erwartungen, Gewohnheiten und unsichtbaren Grenzen besteht oder ob sie längst begriffen haben, wie man zwischen verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit spazieren geht, ohne sich dabei ständig irgendwo ausweisen zu müssen.
Vielleicht würden die Aliens mich bei dieser Frage erst einmal ansehen. Vorausgesetzt natürlich, sie haben Augen. Vielleicht kommunizieren sie auch über Farben, Gedanken oder kleine leuchtende Punkte auf der Stirn. Das könnte das Gespräch etwas komplizierter machen. Andererseits wäre es wahrscheinlich immer noch unkomplizierter als manches Formular auf der Erde.
Aliens und ihre Matrix
Mich würde interessieren, ob Aliens überhaupt wissen, dass sie in einer Matrix leben. Vielleicht schauen sie mich verständnislos an und fragen zurück: „Welche Matrix?“ Und genau dann würde es interessant werden. Denn vielleicht merken Wesen innerhalb ihrer eigenen Wirklichkeit genauso wenig von deren Grenzen wie wir.
Wir atmen unsere Welt schließlich jeden Tag ein. Nicht nur ihre Luft, sondern auch ihre Vorstellungen. Was normal ist. Was möglich ist. Was unmöglich sein soll. Was man tut und was man besser lässt. Was einen Wert besitzt und was angeblich keinen hat. Man wächst hinein und irgendwann erscheint einem vieles selbstverständlich, obwohl es vielleicht überhaupt nicht selbstverständlich ist.
Vielleicht würden Aliens darüber lachen. Vielleicht erzählen sie mir, dass ihre Matrix ganz anders funktioniert. Dass dort Gedanken sichtbarer sind. Dass Gefühle eine Farbe haben. Dass Entscheidungen nicht in Tabellen eingetragen werden, sondern als Schwingung wahrgenommen werden. Vielleicht besitzt dort niemand einen Kalender, weil Zeit sowieso nicht so ordentlich hintereinanderläuft, wie wir Menschen das gerne hätten.
Ich würde sie wahrscheinlich fragen, ob ihre Matrix ebenfalls manchmal ein wenig stickig wird.
Nicht wegen zu wenig Sauerstoff. Sondern wegen zu vieler Regeln.
Vielleicht kennen Aliens dieses Gefühl sogar. Vielleicht gibt es irgendwo im Universum ebenfalls Wesen, die morgens aufwachen und denken: Irgendetwas stimmt hier nicht. Irgendetwas an dieser Wirklichkeit fühlt sich enger an, als es eigentlich sein müsste.
Und vielleicht antwortet einer der Aliens dann: „Natürlich. Jede Matrix wird stickig, wenn niemand mehr die Fenster öffnet.“
Das wäre vermutlich der Moment, in dem ich sie mögen würde.
Natürlich hätte ich anschließend noch ungefähr tausend Fragen. Mich würde interessieren, ob Tiere bei ihnen ebenfalls besondere Wahrnehmungen besitzen. Ob sie Träume ernst nehmen. Ob sie andere Bewusstseinsebenen kennen. Ob sie zwischen Welten unterscheiden oder ob das für sie alles zu einer einzigen großen Wirklichkeit gehört.
Vor allem aber würde mich interessieren, ob Aliens Menschen genauso seltsam finden, wie Menschen Aliens vermutlich seltsam finden würden.
Man stelle sich das einmal aus ihrer Perspektive vor. Sie fliegen möglicherweise durch mehrere Galaxien, überwinden Raum und Zeit und treffen schließlich auf eine Spezies, die sich selbst für ausgesprochen intelligent hält, während sie gleichzeitig darüber diskutiert, ob eine E-Mail ohne digitale Unterschrift wirklich eine E-Mail ist.
Vielleicht drehen die Aliens dann einfach wieder um.
Oder sie bleiben.
Vielleicht setzen sie sich irgendwo dazu, schauen eine Weile zu und stellen irgendwann ihrerseits eine Frage: „Warum macht ihr eure Welt eigentlich so kompliziert?“
Darauf hätte ich vermutlich keine besonders überzeugende Antwort.
Vielleicht würde ich deshalb einfach noch einmal meine ursprüngliche Frage stellen: „Wie ist denn nun die Luft in eurer Matrix?“
Und vielleicht lautet ihre Antwort überraschend: „Genauso wie bei euch. Nur haben wir irgendwann angefangen, die Fenster aufzumachen.“
Dann hätten Aliens vielleicht gar nicht die große kosmische Wahrheit mitgebracht, die Menschen seit Jahrhunderten am Himmel suchen. Vielleicht hätten sie nur eine Erinnerung dabei.
Dass eine Matrix nicht zwangsläufig ein Gefängnis sein muss.
Vielleicht ist sie einfach der Raum, in dem wir gerade erleben, denken, fühlen und erschaffen.
Und manchmal braucht dieser Raum eben frische Luft.

