Nach welchem persönlichen Mantra oder welcher Lebensphilosophie lebst du?
Gegen die Überlagerung
Überlagerung ist für mich kein theoretischer Begriff, sondern etwas, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Dabei geht es für mich nicht darum, erst herausfinden zu müssen, wer ich bin, was zu mir gehört oder welchen Weg ich gehen möchte. Das weiß ich. Ich kenne mein Wesen, meine Wahrnehmung, meine Verbindung zu Tieren, Natur, Spiritualität, Magie und Anderswelt. Ich weiß auch, welche Art von Leben mir entspricht. Die eigentliche Herausforderung lag für mich bisher an einer anderen Stelle: das Eigene auch dann halten zu können, wenn der Druck so groß wird, dass genau dieser Raum wieder zusammenzubrechen droht.
Meine Lebensphilosophie ist deshalb kein freundlicher Satz darüber, einfach nur man selbst zu sein. Dafür habe ich zu oft erlebt, dass das Eigene nicht automatisch bestehen bleibt, nur weil man es erkannt hat. Erkenntnis allein schützt nicht davor, unter Druck wieder in alte Grenzen gedrängt zu werden. Man kann sehr genau wissen, wer man ist, und trotzdem erleben, wie schwer es sein kann, diesen Raum dauerhaft zu halten.
Für mich beginnt die eigentliche Auseinandersetzung dort, wo man den kleinen Rahmen verlässt, der einem zugestanden wird. Solange man sich innerhalb dessen bewegt, was erwartet, verstanden oder akzeptiert wird, bleibt vieles scheinbar ruhig. Doch sobald man beginnt, mehr Raum einzunehmen, das eigene Erleben ernst zu nehmen, sich nicht mehr kleinzureden und das eigene Wesen nicht länger an fremde Vorstellungen anzupassen, verändert sich etwas. Der Widerstand wird spürbarer.
Genau darin zeigt sich für mich Überlagerung. Sie versucht nicht unbedingt, mir zu erklären, wer ich bin. Viel häufiger versucht sie, mir den Raum wieder abzunehmen, in dem ich längst weiß, wer ich bin. Sie setzt dort an, wo etwas gerade stabiler wird, wo Freiheit entsteht, wo ein eigenes Leben Gestalt annimmt. Und manchmal wirkt es auf mich, als müsse sie genau dann noch einmal besonders groß werden, um ihre scheinbare Allgegenwart und Macht zu demonstrieren.
Überlagerung und Deutungshoheit
Besonders deutlich wird Überlagerung für mich dort, wo nicht mehr das tatsächliche Leben eines Menschen zählt, sondern die Geschichte, die andere über ihn erzählen. Es ist erschreckend, wie leicht ein Mensch durch falsche Behauptungen beschädigt werden kann, wenn diese von Personen ausgesprochen werden, deren Stellung ihnen automatisch Gewicht verleiht. Plötzlich entscheidet nicht mehr nur die Wahrheit darüber, was geglaubt wird, sondern auch die Position dessen, der etwas behauptet.
Ein Mensch kann jahrelang Verantwortung tragen, etwas aufbauen, für andere Wesen sorgen, arbeiten, planen und versuchen, sein Leben nach seinen eigenen Werten zu gestalten. Dann reichen manchmal wenige Behauptungen, um dieses Bild zu verändern. Werden diese Behauptungen von Menschen ausgesprochen, denen gesellschaftlich Autorität zugesprochen wird, entsteht daraus eine besondere Form von Macht. Die Aussage bekommt ein Gewicht, das sie allein durch ihren Wahrheitsgehalt niemals hätte.
Für mich gehört genau das zur Überlagerung. Nicht nur, dass etwas Falsches gesagt wird, sondern dass eine fremde Erzählung über einen Menschen gelegt wird und plötzlich stärker wirken kann als dessen gelebte Wirklichkeit. Der Betroffene findet sich dann in der Situation wieder, nicht mehr einfach sein Leben leben zu können, sondern beweisen zu müssen, dass eine Geschichte über ihn nicht stimmt.
Das ist eine ungeheure Verschiebung. Aus wenigen Worten können Bewertungen entstehen, aus Bewertungen Entscheidungen und aus Entscheidungen Folgen, die tief in ein Leben eingreifen. Eine Behauptung kann sich verselbstständigen, weil sie weitergetragen, wiederholt und irgendwann behandelt wird, als wäre sie längst bewiesen. Genau darin liegt für mich eine der gefährlichsten Seiten von Überlagerung: Sie braucht nicht immer Wahrheit. Manchmal reicht es, wenn genügend Menschen einer Geschichte Macht geben.
Das betrifft nicht nur den Ruf eines Menschen. Es kann seine Arbeit berühren, seine Existenz, seine Beziehungen, seine Zukunft, seine Tiere, seine Projekte und alles, was er aufgebaut hat. Je größer das Machtgefälle zwischen den Beteiligten ist, desto schwerer kann es werden, die eigene Wirklichkeit gegen eine fremde Darstellung zu behaupten.
Für mich ist das einer der Gründe, warum das Halten des Eigenen so entscheidend geworden ist. Nicht weil ich nicht weiß, wer ich bin. Nicht weil ich Orientierung suche. Sondern weil es Situationen gibt, in denen andere versuchen können, eine Wirklichkeit über mein Leben zu legen, die nicht meine ist. Dann besteht die Herausforderung darin, die eigene Wahrnehmung nicht aufzugeben, nur weil eine fremde Darstellung lauter, offizieller oder scheinbar mächtiger wirkt.
Ich sehe Überlagerung dabei oft wie ein aufgeblasenes Monster. Groß, hässlich, laut und scheinbar allgegenwärtig. Doch Größe ist nicht dasselbe wie wirkliche Stärke. Etwas kann enorm viel Raum einnehmen und trotzdem davon abhängig sein, dass andere ihm diesen Raum immer wieder geben. Es kann sich aus Angst nähren, aus Neid, Niedertracht, Beschämung, Missbrauch und dem Leid anderer. Es kann Macht demonstrieren, indem es immer noch eins draufsetzt, sobald jemand versucht, sich seinem Zugriff zu entziehen.
Gerade darin zeigt sich für mich aber auch seine Abhängigkeit. Eine wirkliche, in sich ruhende Kraft muss nicht ständig beweisen, dass sie mächtig ist. Sie muss andere nicht kleiner machen, um selbst groß zu wirken. Sie muss nicht von fremdem Leid leben und auch keine Menschen gegeneinander ausspielen.
Meine Lebensphilosophie besteht deshalb nicht darin, dieses Monster den ganzen Tag zu bekämpfen. Auch der dauerhafte Kampf würde bedeuten, dass es weiterhin mein Leben bestimmt. Wenn ich meine ganze Kraft darauf richte, gegen Überlagerung anzurennen, bleibt sie trotzdem im Mittelpunkt.
Für mich geht es inzwischen um etwas anderes. Ich weiß, was zu mir gehört. Die Aufgabe ist, es zu halten.
Ich muss mich nicht immer wieder neu suchen. Ich muss nicht ständig analysieren, ob meine Wahrnehmung richtig genug, meine Spiritualität verständlich genug oder mein Weg gesellschaftlich passend genug ist. Ich kenne meinen Kern. Was bisher schwieriger war, war das Halten unter Druck.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem meine Lebensphilosophie heute steht. Nicht mehr suchen. Nicht mehr um Erlaubnis bitten. Nicht mehr das Eigene zurücknehmen, sobald Widerstand entsteht. Sondern meinen Raum halten.
Dabei bedeutet Freiheit für mich nicht, niemals bedrängt zu werden. Freiheit bedeutet auch nicht, dass es keine Konsequenzen, keine Verantwortung oder keine schwierigen Zeiten gibt. Freiheit bedeutet für mich, trotz des Drucks das Eigene nicht freiwillig wieder abzugeben.
Ich weiß, wohin ich gehöre. Ich weiß, welche Wesen zu meinem Leben gehören. Ich weiß, welche Art von Verbindung ich zu Tieren, Natur, Spiritualität, Magie und Anderswelt habe. Ich weiß, was ich erschaffen möchte. Das ist keine offene Frage.
Vielleicht bestand ein großer Teil meines bisherigen Weges darin, meinen Raum immer wieder zu öffnen und ihn unter dem nächsten starken Druck erneut teilweise zu verlieren. Doch jedes Mal wusste ich genauer, wohin ich zurückkehre.
Heute sehe ich darin einen entscheidenden Unterschied. Ich kehre nicht mehr zu etwas Unbekanntem zurück. Ich kehre zu etwas zurück, das längst meines ist.
Überlagerung verliert für mich deshalb nicht dadurch an Bedeutung, dass ich so tue, als gäbe es sie nicht. Sie verliert dort an Macht, wo sie nicht länger darüber entscheidet, wer ich bin. Eine Lüge wird nicht dadurch wahr, dass sie von einer Person mit Autorität ausgesprochen wird. Eine fremde Geschichte wird nicht zu meiner Wirklichkeit, nur weil sie oft genug wiederholt wird. Und eine scheinbar allgegenwärtige Macht ist nicht automatisch eine wirkliche Macht.
Meine Lebensphilosophie ist deshalb vielleicht härter, als ich sie mir manchmal wünschen würde. Sie lautet nicht, dass alles leicht wird, sobald man nur an sich glaubt. Sie lautet auch nicht, dass Schwierigkeiten allein durch positives Denken verschwinden.
Sie lautet: Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, was zu mir gehört. Und ich lerne, es zu halten.
Ich bin nicht hier, um immer wieder in den kleinen Rahmen zurückzukehren, der mir zugestanden wird. Ich bin hier, um meinen eigenen Raum zu leben. Und wenn die Überlagerung sich gerade dann besonders groß macht, erinnert mich das nicht daran, wie klein ich bin. Es erinnert mich daran, warum ich diesen Rahmen überhaupt verlassen habe.

