Mit welcher fiktiven Figur kannst du dich am meisten identifizieren?
Alte Götter
Alte Götter sind für mich die stimmigste Antwort auf die Frage, mit welcher fiktiven Figur ich mich am meisten identifizieren kann. Denn sobald ich darüber nachdenke, merke ich, dass mir eine einzelne moderne Roman- oder Filmfigur dafür eigentlich zu klein ist. Es gibt nicht diese eine erfundene Person, in der ich mich vollständig wiederfinde. Viel näher sind mir die Gestalten der alten Mythologien, ihre Kräfte, ihre Widersprüche und die archetypischen Prinzipien, die sie verkörpern. Dabei geht es für mich nicht darum, eine bestimmte Gottheit nachzuahmen. Es geht um ein gewachsenes Gefüge verschiedener Kräfte, in denen ich Aspekte meines eigenen Lebens und Wirkens wiedererkenne.
Da ist die Kraft des Sonnengottes, die für mich mit Licht, Sichtbarkeit, Lebenskraft und schöpferischer Energie verbunden ist. Daneben steht die strukturierende Klarheit einer Hera, die Ordnung schafft, Grenzen kennt und ihren Platz nicht zur Diskussion stellt. Und darüber öffnet sich die Weite des Kosmos, in der das einzelne menschliche Leben Teil eines viel größeren Zusammenhangs wird.
Genau deshalb faszinieren mich Alte Götter stärker als viele moderne fiktive Figuren. Sie sind nicht glatt. Sie wurden nicht geschaffen, damit jeder sie sympathisch findet. Sie tragen Licht und Schatten, Schöpfung und Zerstörung, Sanftheit und Kraft in sich. Ihre Geschichten erzählen davon, dass Leben Bewegung bedeutet und dass Gestaltung immer auch Verantwortung verlangt.
Das entspricht meiner eigenen Vorstellung davon, wie ich leben und arbeiten möchte. Ich möchte nicht darauf warten, dass jemand anderes mein Leben gestaltet. Ich möchte erschaffen. Mit meinen Händen, mit meinen Gedanken, mit meiner Wahrnehmung und mit allem, was mir zur Verfügung steht.
Alte Götter und Schöpferkraft
Diese Verbindung zeigt sich für mich besonders deutlich im Handwerk. Etwas mit den eigenen Händen entstehen zu lassen, besitzt eine vollkommen andere Qualität als anonyme Massenproduktion. Ob Malerei, Stickerei, Gestaltung, Arbeit mit Wolle, Holz, Farbe oder anderen Materialien: Am Ende trägt das Geschaffene eine Handschrift. Es hat eine Geschichte. Jemand hat sich damit auseinandergesetzt, Entscheidungen getroffen, Fehler korrigiert und einem zunächst formlosen Material eine Gestalt gegeben.
Darin liegt für mich etwas zutiefst Ursprüngliches.
Auch die Verbindung zu Tieren gehört in dieses Gefüge. Wer mit Tieren lebt und arbeitet, kann nicht dauerhaft nur theoretisch denken. Tiere reagieren unmittelbar. Sie interessieren sich nicht für gesellschaftliche Positionen, schöne Erklärungen oder perfekte Außendarstellungen. Entscheidend ist, was tatsächlich da ist. Wahrnehmung, Erfahrung, Wissen, Konsequenz und Respekt werden dadurch zu etwas sehr Praktischem.
Tierverbundenheit bedeutet für mich deshalb auch nicht, Tiere zu vermenschlichen. Es bedeutet, ihre eigene Art wahrzunehmen und eine Kommunikation zu entwickeln, die nicht ausschließlich über menschliche Vorstellungen funktioniert. Gerade darin finde ich vieles von dem wieder, was die Alten Götter und mythologischen Erzählungen transportieren: Natur ist nicht bloße Kulisse. Tiere sind nicht bloß Ausstattung. Der Mensch steht nicht außerhalb des Lebens, sondern mitten darin.
Dazu gehört ebenso die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Natur ist nicht beliebig. Ein Tier ist nicht beliebig. Und auch ein Mensch verliert etwas Wesentliches, wenn er seine eigenen Grenzen ständig übergeht, nur um Erwartungen anderer zu erfüllen. Klare Präsenz ist für mich deshalb kein Gegensatz zu Verbundenheit. Sie gehört dazu.
Vielleicht liegt genau hier der Grund, weshalb mir die alten mythologischen Gestalten näher sind als die meisten modernen Heldenfiguren. Ihre Kraft entsteht nicht daraus, dass sie immer freundlich, angepasst und widerspruchsfrei sind. Sie verkörpern Prinzipien. Sie stehen für etwas.
Gleichzeitig bedeutet diese Verwurzelung für mich keineswegs, in einer vergangenen Zeit leben zu wollen. Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Alten Göttern, traditionellem Handwerk und moderner Technik. Im Gegenteil. Entscheidend ist für mich, wer wem dient.
Digitale Medien, künstliche Intelligenz und moderne Werkzeuge können fantastische Möglichkeiten eröffnen. Sie können Arbeit erleichtern, Ideen sichtbar machen, Wissen zugänglich machen und Menschen miteinander verbinden, die sich ohne diese Technik niemals begegnet wären. Ich möchte diese Möglichkeiten nutzen.
Aber die Technik soll Werkzeug bleiben.
Sie soll meine Gedanken nicht ersetzen, sondern mir helfen, sie auszudrücken. Sie soll meine Kreativität nicht bestimmen, sondern ihr zusätzliche Räume öffnen. Sie soll mein Leben nicht beherrschen, sondern dort unterstützen, wo sie sinnvoll ist.
So verbinden sich für mich Vergangenheit und Zukunft. Das alte Wissen verschwindet nicht, nur weil neue Werkzeuge entstehen. Handwerk verliert seinen Wert nicht, weil Maschinen schneller produzieren können. Naturverbundenheit wird nicht überflüssig, weil die Welt digitaler wird.
Vielleicht ist genau diese Verbindung meine eigentliche Antwort auf die Frage nach der fiktiven Figur, mit der ich mich identifizieren kann.
Es ist keine einzelne Figur.
Es sind die Alten Götter als Sinnbild einer Welt, in der Schöpferkraft, Natur, Handwerk, Wissen, Eigenverantwortung und klare Grenzen selbstverständlich zusammengehören.
Und vielleicht muss man sich manchmal gar nicht für eine einzige Figur entscheiden. Manche Lebenswege brauchen keinen einzelnen Helden.
Sie brauchen einen ganzen Kosmos.

