Anderssein, queer und Otherkin beschreiben für mich drei Ebenen einer Erfahrung, die sich nicht sauber voneinander trennen lassen. Denn mein Anderssein bestand nie nur darin, dass ich gesellschaftlich nicht in die üblichen Vorstellungen gepasst habe. Es begann schon viel früher und viel tiefer mit der Frage, wie ein weiblicher Körper, männliche Themen, eine nichtmenschliche innere Gestalt und eine spirituelle Wahrnehmung überhaupt gleichzeitig auch in einem einzigen Leben Platz finden sollen.
Ich wurde in einem weiblichen Körper geboren und hatte gleichzeitig sehr viele männliche Themen im Gepäck, die ich über Jahre und Jahrzehnte durchlebt und transformiert habe. Das war nicht theoretisch. Es war körperlich, emotional und teilweise so unmittelbar, dass ich Empfindungen zu Themen hatte, die mein eigener äußerer Körper anatomisch überhaupt nicht mitbrachte.
Weiblichkeit war für mich deshalb lange nichts Selbstverständliches. Ich wusste nicht, was Weiblichkeit überhaupt sein sollte. War es ein Körper? Eine Rolle? Eine bestimmte Art zu fühlen? Eine gesellschaftliche Erwartung? Vieles davon fühlte sich für mich nicht wie eine innere Heimat an. Der weibliche Körper dagegen war einfach da und verlangte seine eigenen Erfahrungen von mir: Zyklus, Schmerzen, körperliche Veränderungen, Schwangerschaften, Altern und all die biologischen Vorgänge, denen ein menschlicher Körper unterliegt.
Genau dort beginnt für mich auch die Verbindung zum Thema queer. Queer bedeutet für mich in diesem Zusammenhang nicht, jede Erfahrung gleichzumachen. Natürlich erlebt nicht jeder queere Mensch dasselbe wie ich. Aber die Erfahrung, dass äußere Zuordnung und innere Wirklichkeit nicht selbstverständlich deckungsgleich sind, kenne ich sehr gut.
Bei mir ging dieses Anderssein allerdings noch weiter.
Anderssein zwischen queer und Otherkin
Irgendwann wurde mir in meinem eigenen inneren Erleben immer deutlicher, dass meine innere Gestalt für mich nicht menschlich aussah. Sie erschien mir als Drache. Damit kam neben Anderssein und queer noch ein weiterer Begriff ins Spiel: Otherkin.
Otherkin beschreibt für mich eine Ebene des Erlebens, in der das eigene innere Sein nicht ausschließlich menschlich wahrgenommen wird. Die Drachengestalt war für mich dabei kein hübsches Symbol und keine ausgesuchte Fantasiefigur. Sie gehörte zu meinem inneren Erleben und wurde mit der Zeit so deutlich, dass sie mein Verhältnis zu Körper, Raum und Größe beeinflusste.
Schwierig wurde es dann, wenn diese innere Wahrnehmung nicht mehr sauber als „innen“ empfunden wurde.
Was passiert, wenn ein Shift geschieht?
Was passiert, wenn sich die Wahrnehmung verschiebt und das, was bisher als innere Gestalt erlebt wurde, plötzlich räumlich, körperlich oder beinahe äußerlich wahrgenommen wird?
Das ist nicht niedlich. Das ist nicht romantisch. Es kann ausgesprochen intensiv sein.
Der menschliche Körper bleibt äußerlich derselbe und gleichzeitig kann das innere Erleben plötzlich eine ganz andere Größe, Form und Ausdehnung annehmen. Für mich gab es Momente, in denen sich mein weltlicher Körper schlicht zu klein für das anfühlte, was darin lebte.
Zu diesen männlichen Themen gehörte bei mir auch etwas, das zunächst vollkommen widersprüchlich wirkt: Kastrationsangst.
Ich habe einen weiblichen Körper. Eine Kastration im männlichen Sinn betrifft mich körperlich nicht. Und trotzdem konnte ich die Panik davor sehr deutlich fühlen.
Das war keine intellektuelle Überlegung. Es war kein „Ich kann mir vorstellen, dass das unangenehm ist“. Es war ein tiefes körperliches Entsetzen vor dem Gedanken, dass etwas, das als Teil des eigenen Körpers, der eigenen Kraft und der eigenen Identität erlebt wird, entfernt werden könnte.
Genau solche Erfahrungen haben mir noch deutlicher gezeigt, wie wenig mein inneres Erleben sich ausschließlich aus meinem weiblichen Körper erklären ließ.
Das Thema ist für mich bis heute präsent und spielt auch in meinem Umgang mit Pferden eine Rolle. Ich habe heute bewusst einen Hengststall. Hengste sind für mich nicht automatisch Tiere, bei denen möglichst schnell überlegt werden muss, ob man sie kastriert. Ich nehme ihre körperliche Ganzheit anders wahr und habe durch mein eigenes Erleben einen sehr starken Zugang zu der Angst, die das Thema Kastration in mir auslöst.
Dabei geht es mir nicht darum, anderen Menschen vorzuschreiben, wie sie mit ihren Tieren umgehen sollen. Es geht um mein eigenes Erleben. Ich habe immer wieder gesehen, wie selbstverständlich über Kastration gesprochen wird, als wäre sie lediglich eine praktische Entscheidung. Für mich ist sie emotional überhaupt nicht neutral.
Gerade dort begegnen sich Anderssein, queer und Otherkin wieder.
Denn die entscheidende Frage lautet für mich nicht nur: Welchen Körper habe ich?
Die viel schwierigere Frage lautet: Was wird in diesem Körper erlebt?
Eine mögliche Frage wäre: „Wie kannst du Kastrationsangst empfinden, wenn du selbst gar keine Hoden hast?“
Genau das ist der Punkt. Das äußere biologische Geschlecht erklärt mein inneres Erleben nicht vollständig. Ich kann nur beschreiben, dass dieses Thema in mir mit einer Intensität vorhanden war, die sich nicht wie ein abstraktes Mitgefühl anfühlte, sondern wie eine sehr eigene körpernahe Angst.
Eine andere Frage könnte lauten: „Ist das dann queer?“
Nicht automatisch. Queer ist für mich hier ein Teil der Sprache für die Nichtübereinstimmung zwischen äußerer Zuordnung und innerer Erfahrung. Otherkin beschreibt wiederum eine andere Ebene meines Erlebens. Die Begriffe überschneiden sich bei mir, ohne identisch zu sein.
Und dann gibt es noch die Frage: „Ist dein Inneres wirklich ein Drache?“
Ich kann nur über mein eigenes Erleben sprechen. In diesem Erleben zeigt sich meine innere Gestalt als Drache. Besonders in Shift-Momenten kann diese Gestalt so präsent werden, dass sich Größe, Körpergrenzen und Raum anders anfühlen. Mein weltlicher Körper bleibt menschlich. Meine innere Wahrnehmung kann gleichzeitig vollkommen anders aussehen.
Und natürlich habe ich mich irgendwann selbst gefragt, ob ich eigentlich noch ganz knusper bin.
Ich war mit diesen Wahrnehmungen auch beim Psychiater. Gerade weil manches davon so ungewöhnlich und intensiv war, wollte ich für mich überprüfen lassen, ob hinter meinem Erleben eine psychiatrische Erkrankung steckt oder ob ich meine Wahrnehmung weiterhin klar einordnen kann. Diese Abklärung war für mich wichtig. Und ja: Ich bin noch ganz knusper.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch meine Erfahrungen nachvollziehen oder genauso deuten muss. Aber es bedeutet für mich, dass ich meine Wahrnehmungen nicht einfach ungeprüft zu einer Wahrheit erklärt habe. Ich habe mich selbst hinterfragt, prüfen lassen und mich trotzdem nicht gezwungen, anschließend die Teile meines Erlebens wegzuerklären, die ungewöhnlich sind.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Anderssein.
Nicht darin, sich zwanghaft gegen jede Kategorie zu stellen, sondern zu erleben, dass keine einzelne Kategorie ausreicht.
Weiblicher Körper und männliche Themen. Queer und Otherkin. Menschlicher Alltag und Drachengestalt. Kastrationsangst in einem Körper, der davon anatomisch gar nicht betroffen ist. Innere Größe und ein äußerer Körper, der sich zeitweise viel zu klein anfühlt.
Das alles gehört zu meinem Leben.
Ich möchte diese Erfahrungen nicht so lange zurechtschneiden, bis sie in eine gesellschaftlich verständliche Form passen.
Denn manchmal ist Anderssein genau das: eine Wirklichkeit zu erleben, für die die vorhandenen Worte erst noch groß genug werden müssen.

