Liebe auf der Tanzfläche

Wie hast du deine bessere Hälfte kennengelernt?

Tanzfläche – wenn mich heute jemand fragt, wie wir unsere bessere Hälfte kennengelernt haben, lautet meine Antwort tatsächlich: auf der Tanzfläche. Nur war das damals sehr viel weniger romantisch, als dieser Satz zunächst klingt. Ich suchte keinen Mann. Ich kam aus einer Trennung, die mir gefühlt mein ganzes bisheriges Leben geraubt hatte, und gleichzeitig gab es etwas, das mit aller Macht und Priorität in die Welt drängte: das Drachenzentrum.

Eigentlich hätte dieser Weg schon viel früher gemeinsam gegangen werden können. Partner vor Tom hätten mittragen, mitentwickeln und mit aufbauen können. Das geschah nicht. Also blieb mir irgendwann nichts anderes übrig, als selbst zu formulieren, wie das Drachenzentrum aussehen sollte, wie ich es aufbauen würde und wie all das, was längst in mir vorhanden war, endlich eine reale Form bekommen konnte.

Mein Leben richtete sich danach aus. Ich arbeitete teilweise zwölf Stunden am Tag und war gleichzeitig mit den Folgen der Trennung beschäftigt. Schlafen konnte ich häufig trotzdem nicht. Also ging ich tanzen. Weitere fünf Stunden. Manchmal war ich so erschöpft, dass ich auf der Tanzfläche schlief. Im Stehen, während der Bewegung, mitten im Tanzen. Es war eine brutale Zeit, und die Bewegung war ein Teil davon.

Natürlich waren da Männer. Manche hatten durchaus Interesse an mir. Nur hatte ich kein Interesse daran, mein gerade neu entstehendes Leben schon wieder nach einem Mann auszurichten.

Ich hatte schließlich lange genug gehört, ich sei zu viel, hätte keine Erotik und meine Arbeit würde Männer zerbrechen. Hinter solchen Aussagen steckt letztlich immer dieselbe merkwürdige Forderung: Mach dich kleiner. Werde langsamer. Sei weniger. Dann fühlt sich der Mann neben dir vielleicht besser.

Damit war ich fertig.

Auf der Tanzfläche zeigte sich das ziemlich praktisch. Die Männer kamen, und ich tanzte. Sie tanzten eine Weile mit. Irgendwann waren sie müde oder entnervt und verschwanden wieder. Ich tanzte noch immer.

Ich tanzte, als sie kamen. Und ich tanzte, als sie gingen.

Tanzfläche als Begegnung

War das ein absichtlicher Härtetest? Eigentlich nicht. Mein Leben war zu diesem Zeitpunkt bereits Härtetest genug. Wer darin auftauchen wollte, musste nicht dasselbe leisten wie ich. Aber ich würde mein Leben nicht mehr herunterregeln, damit ein anderer darin bestehen konnte.

Und irgendwann entstand tatsächlich die Frage: Wie kommt man eigentlich an mich ran?

Ein DJ hatte sogar den Auftrag bekommen, genau das herauszufinden. Offenbar wollte jemand ernsthaft wissen, wie man es denn anstellen müsse, wenn man mich kennenlernen wollte. Also erklärte ich es.

Wenn ein Mann mich kennenlernen möchte, dann kann er mich auf der Tanzfläche antanzen.

Das klingt zunächst ziemlich einfach. Es gab allerdings noch eine zweite Voraussetzung: Er musste es aushalten können, wenn ich ihn ansah.

Erstaunlich viele Männer konnten genau das nicht. Interesse zeigen ging offenbar. Näherkommen vielleicht auch. Aber sobald ich ihnen direkt in die Augen sah, war es vorbei. Warum das so war, weiß ich bis heute nicht. Nur stellte sich mir eine ziemlich einfache Frage: Wenn ein Mann mich nicht einmal ansehen kann, wie soll daraus dann eine wirkliche Begegnung werden?

Ich wollte schließlich nicht irgendeine Zweckgemeinschaft nach dem Prinzip: Du bist allein, ich bin allein, dann können wir uns genauso gut zusammentun.

Nein.

Wenn ich mich nach dieser Zeit noch einmal wirklich auf einen Mann einlassen sollte, dann wollte ich auch erleben, wie es sich anfühlt, tatsächlich von einem Mann angetanzt zu werden. Ich wollte wissen, ob da jemand steht, der mir begegnen kann. Der nicht nur Interesse an einer Vorstellung von mir hat, sondern auch noch da ist, wenn ich zurückblicke.

Und irgendwo in dieser Zeit tauchte langsam Tom auf.

Nicht als Retter des Drachenzentrums und auch nicht als der Mann, auf den ich angeblich die ganze Zeit gewartet hätte. Als Tom kam, war der Aufbau längst in Bewegung. Ich hatte bereits begonnen zu formulieren, wie ich das Drachenzentrum verwirklichen würde, und war dabei, den Weg selbst zu gehen.

Tom fing irgendwann an mitzubasteln.

Auch das geschah nicht von einer Sekunde auf die andere. Es musste sich entwickeln. Zwei unterschiedliche Menschen trafen aufeinander, und erst nach und nach entstand daraus etwas Gemeinsames.

Hat Tom sofort verstanden, dass mein Tempo mein Tempo ist? Nein.

Auch er hatte anfangs durchaus die Vorstellung, er könne mich etwas herunterbremsen und auf sein Tempo bringen. Das funktionierte nicht. Irgendwann hat er das auch eingesehen, wenngleich er bis heute gelegentlich noch einen neuen Versuch startet. Erfolgreicher werden diese Versuche dadurch nicht.

Vielleicht ist gerade das eine der wesentlichen Erfahrungen unserer gemeinsamen Geschichte: Partnerschaft bedeutet für mich nicht, dass einer sein eigenes Tempo aufgeben muss. Tom muss nicht zu mir werden. Aber ich werde auch nicht weniger von mir, damit wir zusammenpassen.

Das Drachenzentrum hat deshalb ebenfalls seinen Platz in unserer Kennenlerngeschichte. Denn Tom traf nicht auf eine Frau, die darauf wartete, dass endlich jemand käme und ihr Leben mit ihr beginnen würde. Er traf auf mich mitten in einem Leben, das bereits mit aller Kraft dabei war, sich neu zu formieren. Und irgendwann begann er, daran mitzubauen.

Wie haben wir also unsere bessere Hälfte kennengelernt?

Auf der Tanzfläche.

Aber vielleicht gefällt mir der Ausdruck „bessere Hälfte“ gerade deshalb heute nicht ganz. Ich musste damals erst begreifen, dass ich keine Hälfte bin. Ich brauchte keinen Menschen, der mich vervollständigt. Und ich wollte ganz sicher keinen mehr, für den ich mich halbieren musste.

Ich wollte jemanden, der mich ansehen konnte.

Jemanden, der mich antanzen konnte.

Und jemanden, mit dem sich anschließend herausfinden ließ, was entsteht, wenn zwei vollständige Menschen nicht versuchen, einander passend zu machen, sondern anfangen, etwas miteinander aufzubauen.

Die Männer vor ihm kamen auf die Tanzfläche und gingen wieder.

Ich tanzte weiter.

Und irgendwann tanzte Tom mit.

Blonde Frau und blonder Mann im langen schwarzen Herrenrock tanzen sich auf einer Tanzfläche intensiv an und halten dabei Blickkontakt.
Auf der Tanzfläche begann unsere Geschichte – nicht mit Anpassung, sondern mit Blickkontakt und echter Begegnung.

https://www.youtube.com/@drachenzentrum-ullrich