Wenn du dir jetzt sofort ein Tattoo stechen lassen müsstest: Was wäre es – und warum?
Tattoo Verbundenheit – wenn ich mir eines stechen lassen müsste, wäre bereits das Wort „müsste“ der erste Punkt, an dem ich aussteigen würde. Denn grundsätzlich muss ich überhaupt nichts. Und bei einem Tattoo käme noch etwas hinzu, das für mich persönlich wesentlich ist: Ich habe ein grundsätzliches Problem mit Nadeln und mit allem, was von außen in meinen Körper eingebracht wird. Jahrzehnte meines Lebens waren davon geprägt, Fremdenergien wahrzunehmen, sie zu unterscheiden und möglichst aus meinem eigenen Feld herauszufiltern. Da erscheint mir die Vorstellung ausgesprochen widersinnig, freiwillig etwas in meinen Körper einbringen zu lassen und diesem Vorgang auch noch bewusst meine Erlaubnis zu geben.
Trotzdem gab es tatsächlich einmal ein Tattoo-Motiv, das ich selbst entwickelt hatte. Nicht, weil ich unbedingt tätowiert sein wollte, sondern weil ich wissen wollte, ob ich überhaupt in der Lage wäre, ein solches Motiv zu entwickeln. Es war ein Entwurf mit einer sehr persönlichen Bedeutung und weit entfernt von einem beliebigen Schmuckmotiv. Später wurde genau diese Idee von jemand anderem übernommen und zweckentfremdet. Auch das gehört inzwischen zur Geschichte dieses Bildes. Die ursprüngliche Bedeutung kann dadurch jedoch nicht verschwinden, denn sie entstand aus meinem eigenen Erleben.
Das Motiv war für den Rücken gedacht. Im Zentrum befand sich eine Art Ring oder Netz. Für mich stellte dieses Netz eine Zwischenebene dar, einen Raum zwischen verschiedenen Ebenen des Seins. Darum herum und hindurch bewegte sich ein Drache. Er gehörte nicht ausschließlich auf eine Seite und auch nicht ausschließlich auf die andere. Er wandelte zwischen den Ebenen, überschritt ihre Grenzen und verband Räume miteinander, die für das gewöhnliche Auge voneinander getrennt erscheinen.
Im Inneren dieses Netzes erschien ein Pferd. Eigentlich brauchte es dafür nicht einmal das vollständige Pferd. Entscheidend war sein Auge. Der Blick meines Pferdes durch diese Zwischenebene hindurch war das eigentliche Zentrum des Motivs. In diesem Auge lag für mich die Seele des Pferdes und damit die Verbindung zwischen zwei Wesen, die nicht davon abhängig ist, ob sie sich gerade auf derselben sichtbaren Ebene befinden.
Tattoo Verbundenheit zwischen Ebenen
Genau deshalb wäre dieses Tattoo Verbundenheit für mich niemals einfach Körperschmuck gewesen. Drache, Zwischenebene und Pferdeauge erzählten gemeinsam etwas, das sich mit einem gewöhnlichen Symbol kaum ausdrücken lässt. Der Drache bewegt sich zwischen den Welten. Das Netz bildet keine Gefangenschaft, sondern eine durchlässige Struktur zwischen verschiedenen Wirklichkeiten. Und das Pferd blickt hindurch. Seine Seele bleibt erkennbar, unabhängig davon, auf welcher Ebene sie sich befindet.
Heute sehe ich dieses Motiv allerdings noch einmal anders. Ich brauche es nicht auf meiner Haut.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Entwicklung, die in dieser alten Idee steckt. Damals hätte das Bild etwas sichtbar gemacht, das für mich von großer Bedeutung war. Es hätte die Verbundenheit verkörpert und nach außen getragen. Heute weiß ich, dass eine wirkliche Verbindung keinen sichtbaren Beweis benötigt.
Ich muss mir nicht auf die Haut schreiben, was längst Bestandteil meines Seins ist.
Eine tiefe Verbindung wird nicht wahrer, weil ein anderer Mensch sie sehen kann. Sie verschwindet auch nicht, weil sie unsichtbar bleibt. Gerade die Verbindung zu einem Tier kann weit über das hinausreichen, was sich anfassen, fotografieren oder mit Worten erklären lässt. Wer einen solchen Blick eines Pferdes kennt, weiß vielleicht, was ich meine. Manchmal liegt darin eine Form des Erkennens, für die Sprache beinahe zu klein wird.
Deshalb gefällt mir die Vorstellung meines alten Motivs noch immer. Der Drache, der zwischen den Ebenen wandelt. Das feine Netz der Zwischenwelt. Dahinter das Auge meines Pferdes, in dem seine Seele sichtbar wird. Es ist ein kraftvolles Bild für etwas, das mich über lange Zeit begleitet hat.
Aber ich muss dieses Bild nicht mehr tragen, um seine Bedeutung zu besitzen.
Vielleicht liegt darin sogar die stärkere Form von Tattoo Verbundenheit: nicht die Tätowierung selbst, sondern die Erkenntnis, dass Verbundenheit keinen Eintrag auf der Haut braucht. Sie benötigt weder Tinte noch Nadel und auch keinen Beweis für andere Menschen. Was wirklich verbunden ist, trägt seine eigene Spur.
Und diese Spur liegt nicht auf der Haut.
Sie liegt tiefer.

